Sommertag

wall < "🏝¡ Lektorat ! 😎"

Broadcast message from spillerm@unixe.de (pts/1) (Di Jul 24 15:25:43 2018):
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Ein aufregendes Jahr liegt hinter mir; ein (hoffentlich!) Entspannung bringender Urlaub liegt vor mir: Zeit fĂŒr ein kleines ResumĂ©e.

Ich hab’s geschafft: das Buch ist final im Lektorat. Irgendwie schreit das fĂŒr mich nach einem Artikel, nach einem Strich drunter und einem Danke euch!. Unter dem Hashtag #unixeschreibt habt ihr den Fortgang ja auch ein wenig beobachten können…

Überhaupt: Twitter!

TatsĂ€chlich glaube ich ja, ohne Twitter wĂ€re ich ein traurigerer Mensch gewesen: Twitter als Aufmunterung, als Ventil, ĂŒberhaupt. Denn wie sich herausstellte, zeigt mein Online-Clan eher ernsthaftes Interesse an meinem Tun, als das in real life der Fall zu sein scheint… Es kommt nicht gut an, wenn du glĂŒcklich erzĂ€hlst „Stell dir vor, ich schreibe ein Buch!“ – die meisten Leute haben entweder selbst schon eines geschrieben (bedauerlicherweise kam es nicht zur Veröffentlichung, dann war der Verlag dran schuld), kennen jemanden, der eines geschrieben hat (und der hat das echt bedauert und wĂŒrde es nie wieder tun) oder sie finden es einfach generell sonstwie dĂ€mlich („Ich hab ja noch nie kapiert, was du da eigentlich machst… aber wenn du meinst?“). Ich feiere alle hart, die anders drauf sind.

Der Prozess

Die Schreiberei hatte fĂŒr mich insgesamt nicht so ĂŒbermĂ€ĂŸig viel mit dem Bild zu tun, das man sich gerne davon macht: es war mir beispielsweise nicht vergönnt, auf der Terrasse eines romantischen HolzhĂ€uschens zu sitzen und den Blick zusammen mit meinen Gedanken nachdenklich ĂŒber eine romantische Berglandschaft wandern zu lassen. Auch machte ich keinen stundenlangen SpaziergĂ€nge in einem bilderbuchschönen Luftkurort voller Ruhe, Rentner, karierter Tischdecken und Hausmannskost.

Die RealitĂ€t war deutlich ernĂŒchternder: ich verschanzte mich in meiner kleinen chaotischen Schreibecke, die ĂŒber die Zeit immer mehr verwahrloste und gönnte mir keinerlei Pausen in meinem sehr strengen Arbeitsablauf – weil ich befĂŒrchtete, dass ich dann ĂŒberhaupt nicht mehr reinfinden wĂŒrde. Dabei ĂŒbertönte ich das Geschrei und Gerumpel der Nachbarn mit ĂŒberwiegend klassischer Musik und NC-Kopfhörern. Wenn ich ausnahmsweise einmal einen Film schaute oder in einem Buch las, dann immer solche, die ich schon x-mal gesehen oder gelesen hatte, denn mein Kopf hatte keine KapazitĂ€ten, dahingehend Neues aufzunehmen – diese KapazitĂ€ten wurden komplett von einer ELK-Komplettinstallation und dem Daily Business im BĂŒro geschluckt.

Immerhin: ich entdeckte grĂŒnen Tee fĂŒr mich, literweise – regelmĂ€ĂŸig ĂŒberfiel ich meinen Lieblings-Tee-Dealer und testete (aktuell bin ich bei einem Sencha mit Nana-Minze und Himbeeren gelandet). Zugleich verweigerte mein Körper aber leider jegliche Form sinnvoller, gesunder und wohltuender Nahrung – sobald ich schrieb, war jede Zelle auf ZUCKER programmiert. Wie kommt das bloß? Ich war drauf wie das KrĂŒmelmonster, und auch vor dem Hintergrund ist es vielleicht gar nicht so schlecht, dass diese Phase nun zu Ende geht 😇

Unter der Woche begann ich mit dem Schreiben, nachdem die Kinder eingeschlafen waren – ihr ĂŒblicher Tagesablauf sollte sich nicht Ă€ndern, nur an den Wochenenden saß ich lĂ€nger und immer lĂ€nger am Rechner. Abends war ich manchmal ganz steif von der Sitzerei, die Sehnenscheiden in beiden Armen streikten bis hinauf zu den Ellbogen und ich schob schlechtes Gewissen, weil ich meiner Meinung nach zu wenig Zeit fĂŒr meine kleinen Granaten hatte.

Der Wendepunkt

Wendepunkt war fĂŒr mich einerseits, als ich die 300-Seiten-Marke ĂŒberschritten hatte – das GefĂŒhl „jetzt hast du mehr als die HĂ€lfte, da muss der Rest doch auch irgendwie zu schaffen sein!“. Und etwa zu diesem Zeitpunkt schnappte ich ein GesprĂ€ch zwischen meiner Tochter und ihrer kleinen Freundin auf – K1 prahlte stolz „Meine Mama schreibt nĂ€mlich ein Buch!“ – „Ein ganzes? Ein großes? So eins, das man dann auch im Laden kaufen kann?“ – „Na klar!“ Und beide MĂ€dels so: đŸ˜±đŸŽ‰ Also doch mehr als nur Mama-auf-dem-Karrieretrip – und das schlechte Gewissen unnötig? Ich band die Kinder stĂ€rker in den Prozess ein, erklĂ€rte mehr was mich umtrieb und warum die Wochenenden so laufen mussten wie sie liefen – und war unendlich gerĂŒhrt, wie beide damit umgingen. „Wie viele Seiten noch?“ pflegte K1 am FrĂŒhstĂŒckstisch zu fragen, und K2 johlte „Wenn wir in Urlaub fahren: dann bist du fertig!“.

Fertig.

Das war so ein gedanklicher Endpunkt fĂŒr mich: wenn das Buch erst ins Lektorat ginge, dann wĂ€re ich quasi fertig. Dann wĂŒrde ich es mir gönnen, mal richtige Fotos von mir machen zu lassen; nicht welche mit den Kindern und auch nicht in der Firma, sondern richtige, echte Portraitaufnahmen – denn Bilder gibt es von mir so gut wie keine. Die Sache lag in unendlich weiter Ferne fĂŒr mich, und erst als ich den Termin beim Fotografen vereinbarte dĂ€mmerte es mir:

Das war’s. Fertig.
Klar, ein paar Fragen hier, ein paar RĂŒckmeldungen da. Aber grundsĂ€tzlich: fertig.
751.966 Zeichen – fertig.
100.146 Worte – fertig.

Und dann…?

Ich hatte erwartet, dass ich ausflippen wĂŒrde, wĂ€re dieser Punkt erst erreicht, ausflippen vor Freude natĂŒrlich: G&T schlĂŒrfend, die Beine ausstreckend, ziemlich erleichtert und selbstzufrieden. Jedoch: nicht, wie K2 immer so schön sagt. Statt in ĂŒberbordende Freude verfiel ich eher in völlige Lethargie, starrte WĂ€nde an, verpeilte Wochentage und Datumsangaben, suchte mein Auto auf falschen Parkdecks (und einmal sogar im falschen Parkhaus), vertauschte Konsolen, vergaß Termine – unangenehm, peinlich, nervig.

Werden zwei Wochen ausreichen, dieses Tief zu ĂŒberwinden? Es fĂ€llt mir schwer, das zu glauben – ich hoffe aber mal ganz naiv das beste, denn was wĂ€re schließlich die Alternative? ;) Nun warte ich auf RĂŒckmeldung aus dem Lektorat und bin gespannt, wie das alles weitergeht…

Unterschrift
:wq!
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