wall < "Antwort vom Meister"

Broadcast message from spillerm@unixe.de (pts/1) (Di Nov 16 22:58:23 2010):
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Diesen Beitrag schrieb ich vor 8 Jahren. Behalte das beim Lesen bitte im Hinterkopf.

Das rebhuhn brachte mich mit ihrem Artikel »Geige, meine Liebe« darauf: ich habe schon über ziemlich viel Hardware gebloggt, aber noch nie über das Instrument, das ich im zarten Alter von vier Jahren bereits zu spielen erlernte: die Orgel.

Und nicht irgendeine Orgel: es ist eine wunderbare Wersi, eine AlphaDX 350, und was sie für mich noch wunderbarer macht: mein Vater hat sie eigenhändig zusammengebaut — ich kann mich noch dumpf daran erinnern. Die Einzelteile waren in winzigen Plastikbeutelchen, und in jedem der Beutelchen war auch Zettel mit einer grossen schwarzen Nummer. Mein Vater »spielte« mit dem (völlig uninteressanten, aus meiner Sicht) Inhalt der Beutel — Widerstände, Lämpchen, Käferchen, EPROMs, was weiss ich nicht noch alles — und ich bekam die Nummernzettel. Es waren dunkle, kuschelige Winterabende, und ich sass auf dem Boden, stapelte die Zettel, mischte sie, verteilte sie akkurat auf dem Muster des Wohnzimmerteppichs, begleitet vom allgegenwärtigen Geruch von Lötzinn und von absoluter Stille, denn mein Vater erträgt keine Musik oder Gespräche, wenn er konzentriert arbeitet — das habe ich wahrscheinlich von ihm.

Und irgendwann war das Wunderwerk fertig. Und ich begann zu klimpern — kurz darauf unter fachmännischer Anleitung, weil es mir solchen Spass machte. Zehn Jahre lang hatte ich Unterricht, einmal pro Woche, und dann warf mein Lehrer das Handtuch: er könne mir nichts mehr beibringen. Von da an übte ich eigeninitiativ. Mit dem Alleinunterhalter-Scheiss, der auf Heimorgeln so gerne verbrochen wird, hatte ich mich nie identifizieren können, auch verschmähte ich das Rhythmusgerät immer konsequent, und meine Lieblingseinstellung war einfach: »Piano« auf dem Obermanual, »Piano« auf dem Untermanual und der tiefe Bass auf den Pedalen. Geradezu zwangsläufig landete ich bei Chopin, was sich auf einer Heimorgel aber nicht wirklich spielen lässt. Ich stagnierte, mein Enthusiasmus liess nach. Zu gerne wollte ich Klavier spielen, aber für ein Klavier fehlten sowohl Geldmittel als auch Platz.

Ich zog zu Hause aus, und die Wersi blieb zurück. Es folgten zwei Operationen am linken Handgelenk, und es dauerte Monate, bis die Hand wieder ansatzweise belastbar war — an schlechten Tagen stellt eine volle Kaffeetasse auch heute noch eine Herausforderung dar. Die Feinmotorik blieb auf der Strecke, und was immer da mal an Können war — viel ist nicht davon übrig. Ich habe immer nur für mich gespielt, ich konnte Zuhörer noch nie ertragen, und inzwischen macht es nicht einmal mir noch Spass, mir zuzuhören. Und so schleiche ich um die Wersi, staube sie ab, streiche über das rötlich schimmernde Holz und höre in meinem Kopf eine Melodie…

Es ist »Down Moon« von Gunnar Madsen, ich liebe diesen Titel einfach. Und aus einem unvernünftigen Grund wollte ich die Noten haben, auch wenn ich mir aus Noten nichts mache und ich ja auch eigentlich gar nicht mehr spiele. Da die Sheets auf der Webseite nicht verfügbar waren ging ich sogar so weit, eine Mail zu schreiben. Heute erhielt ich die Antwort — vom Meister höchstpersönlich. Vielleicht ist es ein Zeichen.

Marianne,

You are not the first to ask for Down Moon. It is now available here [0. Gemäss Tageskurs kosteten mich die Sheets 7,62EUR, mein Paypal-Konto wies noch ein Guthaben von 7,63EUR auf.].

You’ll be the first to buy it/play it – please do let me know if there are any errors that need correcting :D

Very Truly Yours,

Gunnar Madsen

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