Familienleben OFFLINE

Ich bin eine Rabenmutter. Ich stille nicht.

Stillen Medela
Dieser Beitrag schrieb ich vor 3 Jahren. Behalte das beim Lesen bitte im Hinterkopf.

Ein entrüstetes gerötetes Gesicht, fuchtelnde Fäustchen, Strampelbeine — keine Frage, Minimaus hat Hunger. Eine Tasse mit heissem Wasser habe ich bereits organisiert, nun angle ich fix die Flasche aus dem Rucksack, schraube einen Sauger auf und stelle das Ganze warm, während ich das strampelnde Baby in eine frische Windel quetsche. Schliesslich kuschelt es in meiner Armbeuge, himmelt mich mit seinen Strahleaugen an, tut so, als würde es die Flasche selbst festhalten, und schmatzt zufrieden vor sich hin. Eine mir völlig unbekannte Dame, die unsere Vorbereitungen bereits mit gerunzelter Stirn verfolgt hatte, bedenkt uns mit einem Blick, der zwischen ungläubig und abwertend schwankt. Und schliesslich sagt sie, was sie meint sagen zu müssen: »Sie wissen aber schon, dass Stillen das beste für Ihr Kind wäre…?!«

Spulen wir die Zeit einmal zurück.

Nach katastophaler Schwangerschaft kam da ein Frühchen zur Welt, das für sein Alter zwar ganz gut entwickelt, aber eben doch viel zu früh war. Meine Beine waren noch taub von der OP, als ich bereits nach einer Milchpumpe krähte. Das Baby im Inkubator, ich an der Milchpumpe, jeder Tropfen zählte. Von der Frühchen-Spezial-Nahrung bekam sie nur die ersten beiden Tage, ab dann konnte schon komplett auf Muttermilch umgestellt werden — angereichert mit FM85.

Sie bekam das per Fläschchen, und ich böse Rabenmutter habe mich nicht dagegen gewehrt. Es ging mir in erster Linie darum, sie mit allem, was sie brauchte, zu versorgen — ich lieferte mir mit dem Personal keine Debatten übers Fingerfeeden, Bechern oder andere »stillfreundliche« Methoden — alles, was das winzige, schwache Kindchen stressfrei sättigte, war okay für mich.

Mit dem Umzug ins Wärmebett begannen wir das Anlegen. Sie machte das gut, aber sie war klein und schwach. Stillproben[0. Das bedeutet, dass Kind vor und nach dem Stillen gewogen wird, um zu sehen, wieviel es zu sich genommen hat.] ergaben eine zu geringe Nahrungsaufnahme. Allerdings hatte der Stillversuch sie so geschlaucht, dass sie auch aus dem Fläschchen nicht mehr trinken mochte, so dass man ihr den Rest per Magensonde reindrücken musste. Es brach mir das Herz. Immer wieder aufs Neue.

Ich beschränkte also die Dauer der Stillversuche, um ihr Kraft für die Flasche zu lassen — in erster Linie wollte ich, dass sie von der schrecklichen Magensonde loskommt. (Das war unter anderem überhaupt ein Kriterium für eine Entlassung.) Da sie immerzu fuchtelte, riss sie sich das Ding mindestens einmal am Tag raus.
Schliesslich ging die Infusionsnadel in ihrem 1-Euro-grossen Handrücken para — oh Gott, was hat sie geschrien. Ich erspare euch eine Schilderung des Weges bis hin zur Entscheidung, dass das Legen einer neuen Infusion nicht möglich ist, den Gedanken daran versuche ich selbst erfolglos zu verdrängen. Mit dem Wegfallen der Glukoseinfusion wurde der Stellenwert der Trinkmengen jedoch weiter erhöht, und die Maus hatte schon mehr als 10% ihres Geburtsgewichts abgenommen.

Mit der Verlegung in die Kinderklinik, wo ich mir ein Zimmer mit ihr teilte, begann der Tran. Hatte das Baby Hunger, wog ich es; legte ich es an, 10 Minuten, 20 Minuten, so wie es halt klappte; wog es erneut; forderte die Differenz bei den Schwestern als (vorher abgepumptes und kalt gestelltes Muttermilch-)Fläschchen an; fütterte so gut es ging nach; pumpte dann ab; und 90 Minuten später das Ganze von vorn. Tag und Nacht.

Auf die Art brachten wir die Gewichtszunahme auf Kurs. Doch während der Gesamtbedarf stieg, steigerte sich die Stillmenge kaum merklich. Die Kleine lag angedockt und kuschelte, sie trank auch ein wenig, aber sie trank sich nicht satt. Wären wir erst zu Hause, würde sich das alles schon regeln — die Stillberaterin machte mir Mut.

Es regelte sich nicht. Sie stillte maximal ein Drittel, der Rest musste nachgefüttert werden. Das zumindest konnte nun der Papa übernehmen, so dass ich währenddessen abpumpen konnte, dafür hüpfte aber auch eine unausgelastete 2,5-jährige umher. Und zusammen mit dem Stresslevel stieg der Frust, flossen Tränen. Als letzte Möglichkeit empfahl die Stillberaterin das Brusternährungsset, und ja, ich probierte auch das. Ich fühlte mich schrecklich dabei, und das Baby hasste es ebenfalls.

Es fiel mir schwer, doch schliesslich stellten wir die Stillversuche ein. Ich pumpte ab, der Papa fütterte per Flasche. Das Baby wird ohnehin permanent von allen hier abgefeiert, geknutscht und geknuddelt, ich habe bis heute nicht den Eindruck, dass sie etwas vermisst. Ich jedoch stand vor dem nächsten Problem: das Kind steigerte seine Trinkmenge, aber ich kam kaum hinterher mit dem Abpumpen. »Die Nachfrage bestimmt das Angebot«, das sagt jeder, das steht überall. Bockshornkleesamen, Globuli, feuchte Wärme, Malzbier. Und möglichst häufiges Pumpen: in 24h sollte man zumindest 100 Minuten pumpen, um die Milchmenge zu erhalten — mehr, um sie zu steigern. Häufiges, kurzes Pumpen ist effektiver als seltenes und dafür längeres. Und die Nachtpause sollte maximal sechs Stunden betragen.

Wie ihr seht: es ist nicht so, dass ich mich nicht informiert hätte. Im Gegenteil. Die Grosse hab ich ja auch 23 Monate gestillt. Mein Problem ist eher, dass ich zu gut informiert bin; das macht es mir so schwer, das Ganze einfach sein zu lassen. Vom Standpunkt des Familien- und Seelenfriedens wäre das nämlich die einzig vernünftige Entscheidung.

Wie also ging es weiter? Das Baby erhält 100% Muttermilch, abgepumpt und per Flasche. Um das zu schaffen, muss ich in 24 Stunden so 10 bis 14x abpumpen, jedes Mal etwa 20 Minuten. Und das reicht nichtmal, um einen kleinen Vorrat anzulegen. In der Zeit habe ich beide Hände nicht frei, kann sonst nichts tun, nur doof rumsitzen. Es ist kaum möglich, das Haus zu verlassen — Ausflüge zu Aldi und zum Baumarkt sind das Höchste der Gefühle. Die Grosse schläft meist bis gegen halb 9 morgens, das bedeutet für mich, ich gehe frühestens um halb 3 ins Bett — damit die Nachtpause nicht zu lang wird. Denn sowohl klingelnde Wecker als auch früher aufstehende Mütter toleriert die Grosse so gar nicht.

Bis das Baby abends eingeschlafen ist, schläft der Mann in aller Regel ebenfalls — beide im Wohnzimmer. Also kann ich nichtmal gemütlich in meinem Sessel gammeln und mir die Zeit vertreiben, da schon mein Atmen die beiden in ihrem Wohlbefinden stört. Und so ziehe ich mich, die Milchpumpe und meinen Handarbeitskram auf einem Rollwagen schiebend, in den einzigen Raum zurück, in dem ich niemanden störe.

Und das ist das Bad.

Die Zeit von 22h bis etwa 2h30 verbringe ich auf dem Klodeckel[0. Inzwischen ist der sogar kaputt und wackelt rum ob der Dauerbelastung, für die er sicher nie konstruiert wurde.], und das ist kein Witz. Für was anderes wäre der Platz auch viel zu knapp. Riesenkopfhörer auf den Ohren, eine Handarbeit, per Watchever irgendwelchen Mist auf dem iPhone ansehen beziehungsweise zumindest zuhören. Ich häkle Taschen, sticke ein Wandbild, arbeite am Laptop, mache irgendwas, bloss keinen Krach — um mich halt so lange wach zu halten, bis ich ebenfalls ins Bett darf. Meine Augen brennen, ich bin unendlich müde. Dummerweise setzt in aller Regel gegen ein Uhr nachts auch noch bohrender, nicht zu ignorierender Hunger ein — was dem, was von meiner Figur nach zwei Schwangerschaften übrig blieb, auch nicht gerade zuträglich ist.

Zwischendurch müssen Unmengen kleiner Glasflaschen eingeweicht, gespült und ausgekocht werden, ebenso das Zubehör für die Pumpe. Lagerzeiten und -bedingungen müssen peinlich überwacht und eingehalten werden, damit dem Kindchen nicht aus Versehen etwas Verkeimtes eingetrichtert wird.

»Sie wissen aber schon, dass Stillen das beste für Ihr Kind wäre…?!« Das steht sinngemäss sogar auf der Verpackung der kleinen Glasflasche, die ich vor einigen Tagen kaufte, kaufen musste. Vor Wut hätte ich das blöde Ding am liebsten auf den Boden geworfen! Ja, verdammt, ich weiss es. Leider! Ich wünschte, ich wüsste es nicht — denn ich kann an den Tatsachen leider nichts ändern. Nur noch wenige Tage, dann ziehe ich den Mist seit fünf vollen Monaten durch. Seit zehn Tagen füttern wir PRE zu, da der Bedarf des Kindes und das Angebot mehr und mehr auseinander laufen. Zum Teil hängt das an nachlassender Konsequenz meinerseits, längerer Nachtpause, etwas seltenerem Abpumpen. Ich bin so müde. Dem Baby ist es völlig gleich: sie trinkt alles, zufrieden schmatzend und schäkernd, verträgt es offenbar gut (Das war meine grösste Sorge — dass sie mit Bauchschmerzen reagieren könnte. Scheint aber nicht der Fall zu sein.). Kommen wir bei 70% PRE an, will ich das Pumpen einstellen, davon sind wir aber noch weit entfernt. Und ob ich es dann wirklich lassen kann? Mal sehen.

Also: welche Pappnase wagt es jetzt noch zu behaupten, ich mache es mir einfach? Wer hat die Frechheit zu sagen, dass ich aus purer Bequemlichkeit nicht stille? Was von dem, was ich geschildert habe, lässt »bequem« oder »einfach« vermuten?

Richtig. Gar nichts.

Erschreckend und faszinierend, wie viele Menschen Frauen Mütter die blasse Frau mit den Augenringen, die sich mit dem Fläschchen in die Öffentlichkeit wagt, gleich verurteilen. Ohne auch nur zu erwägen, dass manche Entscheidungen Gründe haben. Eine Vorgeschichte. Ohne zu bedenken, dass es, ausser Mutter und Kind, niemanden etwas angeht. Denn — und diese Message kommt nicht nur in mancher Literatur, sondern vornehmlich auch in den einschlägigen Internetforen deutlich raus — die Mutter muss es nur wirklich wollen, dann klappt das auch! Ich meide Babygruppen, weil ich dort verstohlen angestarrt werde, wenn ich das Fläschchen erwärme. »Verdammt, da drin ist Muttermilch!« würde ich die Beobachter am liebsten anschreien, doch dann ermahne ich mich, dass es doch niemanden etwas angeht. Keinen! Woher der Drang, sich zu rechtfertigen?

Natürlich hatte ich es mir anders vorgestellt, anders gewünscht. Und nachdem die arme Maus eine furchtbare Schwangerschaft mitgemacht hat, eine furchtbare Geburt und eine furchtbare erste Zeit, da hatte ich gehofft, wenigstens das Stillen… für uns beide… zumal ich ja eigentlich stillerfahren bin…

Nein. Ist es nicht. Tut es nicht. Ach, Scheisse.

  1. Deine Geschichte ist meiner in Teilen sowas von ähnlich… 😳

    via twitter.com

  2. Hut ab vor soviel Still-Engagement. Oder Muttermilch-Engagement. Oder das Beste-Für’s-Kind-Wollen-Engagement.
    Sagt eine Rabenmutter zur anderen 🙂
    Ich habe mich erdreistet, nach 3 Monaten wieder arbeiten zu gehen und Zwergi blieb bei seinem Papa. Was hab ich mir anhören dürfen und mir leider viel zu viel zu Herzen genommen.

  3. Pingback: 25. Juni: Wie war dein Tag?

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