Tor

wall < "Vor den Augen Gottes…"

Broadcast message from spillerm@unixe.de (pts/1) (Sa Sep 09 15:32:27 2006):
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Diesen Beitrag schrieb ich vor 12 Jahren. Behalte das beim Lesen bitte im Hinterkopf.

…dealen wir alle mit Kinderpornographie. Oder so.

Diesem Glauben könnte man jedenfalls verfallen, führt man sich diese Schlagzeile auf heise.de zu Gemüte. Momentan werden von der Staatsanwaltschaft reihenweise Serverplatten konfisziert, auf denen die böse, böse Anonymisierungs-Software tor installiert und als Exit-Node konfiguriert ist. Mal ganz davon ab, dass das Unsinn ist — anhand der Daten auf der Server-Platte können Anfragen ohnehin nicht nachvollzogen werden, und genau das ist ja auch der Sinn der Sache! — was soll das?

Nunja. Im Zuge der Anonymisierung fällt nahezu immer das Schlagwort Kinderpornographie; eine verabscheuenswürdige Sache, da sind sich alle einig, und als Argument stark genug, jede Form technischer Innovation und/ oder Umorientierung im Keim zu ersticken — oder gar rückgängig zu machen?

Klar ist, dass das schöne WWW auch von denen genutzt wird, die nicht nur nahtlose Kommunikation und Informationsrecherche im Sinn haben; das jedoch ist keine Neuigkeit. Schon die grandiose Apparatur des Graham Bell wurde nicht ausschliesslich von tüchtigen Geschäftsleuten und gelangweilten Hausfrauen genutzt — es hat einen Grund, weshalb die Fangschaltung erfunden wurde. Potentiell ist dies auf viele Dinge des öffentlichen Lebens ausweitbar.

Was also als nächstes? Messer verbieten, da Brüderchen Schwesterchen stechen könnte? Perücken, Motorradhelme, Sonnenbrillen — da diese dem Attentäter als Maskierung dienen könnten? Kneipen, da ein Haufen Unzufriedener sich zusammenrotten und die nächste Revolution planen könnte?

Sind wir wirklich alle potentielle Attentäter und Verbrecher? Und hat der einzelne in der Tat nicht das Recht auf Anonymität und Privatsphäre, wenn er diese wünscht?

Ich bin sehr nachdenklich.

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