Der rote Schrank
Rational betrachtet war dieser Schrank einfach nur durch: in sich verzogen, unkomfortabel und allen Versuchen einer Restaurierung hartnäckig widerstehend.
Doch damit konnte ich mich nicht abfinden. Tatsächlich begleitet mich dieser Schrank, seit ich zu Hause ausgezogen bin. Er war nie schön, aber er verwahrte mein Geschirr – seit jenen Zeiten, als ich so gut wie nichts besaß. Er erinnert mich an diese Ära, an das, was war. Und das machte es mir unmöglich, ihn zu entsorgen.
Die Geschichte des Schranks
Die Geschichte des guten Stücks ist im „Stille Post“-Style überliefert und nicht vollständig belegbar, aber ich halte mal fest, was ich darüber weiß:
Vor mir gehörte er meiner Mutter, davor anderer Verwandtschaft. Gebaut wurde er knapp vor 1900 in Handarbeit – er ist ein Vollholzschrank, und vor allem, wenn man das Unterteil tragen will, merkt man das auch. Er ist ein Gesellenstück: der angehende Möbelschreiner sollte unter Beweis stellen, was er alles kann. (Anmerkung: vieles lernen er noch musste.) Irgendwann wurde der Schrank einheitlich weiß gestrichen.
Dieser weiße Anstrich hatte die Eigenschaften von Starkkleber: über die Jahrzehnte wurde mehrfach (und beeindruckend erfolglos) versucht, die inzwischen vergilbte und an einigen Stellen aufgeplatzte Farbschicht vollständig zu entfernen – Heißluft, Abbeizer, Laugen. Und jeder dieser Versuche machte das Gemetzel schlimmer.
Dem Umstand „Gesellenstück“ war nämlich (vermutlich) geschuldet, dass hier nicht einheitlich gutes Holz verwendet wurde, sondern eher Reststücke unterschiedlicher Art. Die Maserungen weichen sehr voneinander ab, manche Teile sind weicher als andere, und das fertige Machwerk wurde mit einer Art Bierlasur optisch vereinheitlicht vollendet. Außerdem ist es nicht möglich, den Schrank in Einzelteile zu zerlegen (so dass ich oftmals auf dem Boden liegend oder in sonstigen wenig ergonomischen Körperhaltungen daran gearbeitet habe).
Grundierte Schranktür während des ersten Farbanstrichs
Es war klar, dass ich ihn – aufgrund der unterschiedlichen Hölzer und Maserungen, aber auch der fleckigen Bierlasur – ohnehin nicht natura würde aufstellen wollen. Mir wurde geraten, ihn wegzuwerfen. Ich entschied mich stattdessen, auf die Abbeizerei zu verzichten, ihn einheitlich anzumalen und insgesamt aufzumotzen.
Das Projekt
- Projektzeitraum: ~07/2022 - ~02/2024
- Grundierung: Isoliergrund von StyleColor (Hornbach), für alle Teile und zweifach aufgetragen
- Farbe: Kreidefarbe von StyleColor (Hornbach) in den Farben powder (einfacher Erstanstrich bei allen Teilen), light grey (zweifacher Auftrag, für das Innere des Schrankes) und king’s red (zweifacher Auftrag, für das Äußere des Schrankes)
- Wachs: ebenfalls von StyleColor (Hornbach) in schwarz, Auftrag sowohl innen als auch außen – und dieses Wachs macht einen ganz enormen Unterschied!
- die kleinen Regale: Bekväm Gewürzregal von IKEA – diese habe ich ebenso grundiert, gestrichen und gewachst wie den Schrank
- das Radio: das war ohnehin schon vorhanden, und ich hatte Farbe übrig. Ich dachte mir, es könne das Gesamtbild abrunden, und siehe da: das tut es auch 🥰 Auch wenn es inzwischen natürlich leider nichts mehr empfängt, so hat es doch ein wunderschönes und funktionierendes magisches Auge!
- die dimmbare Beleuchtung: Tradfri-Dimmer 30W, dazu 2x Tvärdrag Schrankbeleuchtung, Mittled 80cm und Fernbedienung Styrbar – alles von IKEA
- Küchenrollenhalter: die gibt’s in vielen verschiedenen Ausführungen beim großen A – lokal habe ich sowas tatsächlich noch nie bewusst gesehen
- Sonstiges: Spachtelmasse, mit der ich kleinere Schäden ausgebessert habe; dunkler Kabelkanal, um das Kabel der Lampe angemessen zu verstecken
- Werkzeug: Pinsel und Rollen in verschiedenen Ausprägungen, alte Lappen, Handschuhe (das schwarze Wachs ist wirklich garstig!), Bohrer (Montage der Lampen, der kleinen Regale sowie der Rüchenrollenhalterung), Schleifpapier, Schraubenzieher, Kreuzlinienlaser, …
- Geduld und Fingerspitzengefühl: und zwar ganz schön viel davon, jeweils
Während der Arbeiten, inmitten der Küchenbaustelle
Ihr seht es ja an der Projektlaufzeit: das hat sich alles enorm in die Länge gezogen. Kurz nach Beginn der Arbeiten erhielt Papa seine niederschmetternde Diagnose, das spielte dabei natürlich auch eine Rolle. Und das ist nun auch eine weitere Dimension, die dieser Schrank in meinem Herzen hat: oft arbeitete ich mitten in der Nacht daran, wenn der Rest der Welt schlief, ich das nicht konnte… Und mich ablenken musste, irgendwie, und meine Hände beschäftigen.
Nachdem die Arbeiten abgeschlossen waren, tat ich mich sehr schwer damit, den Schrank regulär zu nutzen. Viel lieber hätte ich ihn in Luftpolsterfolie eingeschlagen – und jedem Menschen verboten, ihn anzufassen, sich ihm auch nur zu nähern. Ziemlich blöde, oder? Aber eine Weile lang sah ich nur diese unfassbar vielen Arbeitsstunden, die ich investiert hatte; und der Gedanke war mir unerträglich, dass jemand Macken reinmacht, Farbe abplatzen lässt – und ich dann genervt reagieren würde. Über die Dauer der Küchenrenovierung stand das Schmuckstück ohnehin in meinem Arbeitszimmer: zu der Zeit beherbergte es mein Kamera-und-Drohnen-Equipment.
Und heute?
Mit der Zeit und zunehmend Abstand zu den Geschehnissen wurde ich jedoch wieder realistischer: der Stauraum fehlte, und einen Schrank in Watte packen zu wollen, ist Unsinn. Also wanderte er dahin, wo er hingehört: in die inzwischen fertiggestellte Küche. Alle Gläser und Tassen finden darin nun ihren Platz, sowie einige Vorräte und Getränke.
Und: bisher sind weder Macken drin, noch ist Farbe abgeplatzt. Tatsächlich hat sich das Hornbach-Material als Glücksgriff erwiesen: ließ sich großartig verarbeiten, tolle Farben, hervorragende Deckkraft und überaus alltagstauglich. Kurzum: ich würde sie für ähnliche Projekte jederzeit erneut verwenden – ganz klare Empfehlung meinerseits!
Und nein, das ist kein sponsored post oder sowas.
Lediglich (m)ein Erfahrungswert 🙂
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