Berte Bratt Sylvie Macht Ihr Glück

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Diesen Beitrag schrieb ich vor 9 Jahren. Behalte das beim Lesen bitte im Hinterkopf.

Kategorie: Jugendbuch, Mädchen ab 12 Jahren; Erstauflage: deutschsprachig 1966, in Originalsprache wohl 1954

Das Buch handelt von der dreiundzwanzigjährigen Norwegerin Sylvi Ecker, die, in Reichtum aufgewachsen, sich nach dem Tod ihres Vaters neu orientieren und selbst versorgen muss; sie wählt den eher ungewöhnlichen Berufsweg einer Privat-Chauffeuse und setzt sich hierbei widrigen Umständen zum Trotz durch. Ihr Glück wird vollkommen, als sie den Mann ihres Herzens nicht nur kennenlernen, sondern auch für sich gewinnen kann.

Sylvi lebt nach dem Tod ihres Vaters bei ihrem Bruder (einem gutsituierten Arzt) und dessen Familie; schnell wird jedoch klar, dass sie ihren Lebensunterhalt selbst bestreiten und auf eigenen Füssen stehen muss. Büro- und Hausarbeit kann sie nichts abgewinnen, sie sieht ihre Kapazitäten in Sachen Automechanik, und so bewirbt sie sich — natürlich auf Anhieb erfolgreich — auf die ausgeschriebene Stelle eines Privatchauffeuers. Ihre Arbeitgeberin, eine reiche alte Dame, hat selbstredend so ihre Zweifel, gibt der jungen Frau jedoch eine Chance.

Und hier beginnen die Schmerzen: die stämmige junge Norwegerin, die zwar nicht stricken, aber viel essen kann, ist ein rechter Sonnenschein, mit goldenem Haar, goldbraunem Teint und der Figur einer Göttin; selbstsicher im Umgang mit Dienstpersonal und Vorgesetzten, sich jedoch ihrer niederen Stellung innerhalb der Dienerschaft jederzeit bewusst, verbringt sie ihre Vormittage mit dem Polieren des extravaganten Dienst-Cabriolets und meistert zwischenmenschliche Fallstricke und versagende Bremsen gleichermassen.

Auf einer Urlaubsfahrt verliebt sie sich in einen Franzosen, der sie durch seine Gewandtheit, seine offensichtliche Verliebtheit in den Bann zieht; sie geniesst die Zeit, die sie mit ihm verbringt, geniesst auch seine Annäherung. Doch: »denke daran, was ein Franzose von einem Mädchen glauben muss, das frei und unbeschützt umhergeht. Und erinnere Dich daran, Sylvi: was nach norwegischer Auffassung bloss eine unschuldige Form des Flirtens ist, eine kleine Liebkosung, vielleicht ein Kuss, das bedeutet etwas ganz anderes hier (sprich: in Frankreich), das drückt einem Mädchen einen Stempel auf und dem betreffenden Mann ebenso«. Diese Worte, gesprochen von ihrem norwegischen Bekannten, bringen sie in Wut — und er gibt ihr mit den Worten »Schäme dich! Schäme Dich!« eine Ohrfeige, als sie ihre konträre Meinung zum Ausdruck bringt.

Selbstredend sieht sie schon nach wenigen Stunden ein, dass diese körperliche Züchtigung absolut angemessen war; und obgleich sie ihren norwegischen Bekannten nur wenige Wochen kennt, nur wenige Tage gesehen und nur einen Nachmittag mit ihm zusammen verbracht hat ist nur allzu klar, dass beide heiraten werden, sicher, die grosse Liebe gefunden zu haben (der Franzose erwies sich ohnehin als Fehlgriff, da er doch, wie alle Franzosen, auf eine reiche Erbin gehofft hatte und sein Interesse an Sylvi revidiert, nachdem klar ist, dass sie keine ist).

Sobald die Hochzeit beschlossene Sache ist, kündigt Sylvi selbstverständlich ihre ungekündigte Stellung bei der Generalkonsulin (denn wenn sie verheiratet ist, muss sie ja nicht mehr für sich selbst sorgen, klar). Obgleich sie viel lieber in Livree zum Altar schreiten würde, trägt sie ein klassischen weisses Kleid — der Zeugung vieler blauäugiger, goldhaariger und stämmiger Nachkommen (denn selbstredend entspricht auch der zukünftige Vater diesem Klischee) steht nun nichts mehr im Weg.

Und so enden diese 161 Seiten voller Klischees und Vorurteile auf genau die Art, die auf Seite drei bereits zu erwarten war. Völlig unzeitgemäss und voreingenommen, halte ich es im Jahre 2010 ganz sicher nicht für ein Buch, dass ich meiner zwölfjährigen Tochter zu lesen geben würde — hätte ich denn eine. (Und wäre ich dem geradlinigen norwegischen Lebenslauf gefolgt, wie er in diesem Buch vorgezeichnet wird, so wäre dies fast der Fall!) Man muss hier ganz sicher das Erscheinungsjahr (1954) bedenken, meine Ausgabe ist jedoch von 1992…

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