Kamerad oder Spielzeug?

wall < "Kamerad oder Spielzeug – Vom Poussieren zum Skandal"

Broadcast message from spillerm@unixe.de (pts/1) (Mo Mrz 12 12:59:13 2012):
4
Diesen Beitrag schrieb ich vor 7 Jahren. Behalte das beim Lesen bitte im Hinterkopf.

Hier nun das Kapitel »Vom Poussieren zum Skandal« aus der Informationsbroschüre »Kamerad oder Spielzeug?«. Die übrigen Kapitel findest du hier.

Neulich erhielt ich von einem Bekannten eine eigenartige Postsendung: ein ziemlich umfangreiches Paket; seinen Inhalt bildete ein mehrbändiger Roman in Leihbibliothek-Einband, dessen Verfasser ein ernster moderner Schriftsteller war. Dabei ein Brief des besorgten Vaters, der dieses Buch gefunden hatte bei seinem Sohn. Ein Blick in das Buch hatte dem Vater Zweifel aufsteigen lassen, ob dieses auch wirklich eine geeignete Lektüre für den jungen Mann wäre, und nun fragte er mich um Rat. Das war vernünftig und gewissenhaft von dem Vater.

Natürlich sah ich mich in die unangenehme Notwendigkeit versetzt, das Buch zuerst zu lesen und mir klarzumachen, was denn der Verfasser desselben sagen wollte: denn mit einigen Zeilen oder Seiten kann man noch lange nicht urteilen, ob ein Buch gut ist oder schlecht, selbst dann nicht, wenn die schlechtesten Schlechtigkeiten auf diesen Seiten geschildert werden.

Das Buch aber handelte von jungen Leuten. In einem Hamburger Geschäft ist ein Ladenfräulein, ein nettes, adrettes Mädchen, schick, gewandt, tüchtige Verkäuferin usw. Sie wohnt draussen in der Vorstadt bei ihrer Mutter, und es ist recht mollig und wohlig in dem kleinen Nest.
Eines Tages verbreitet sich in dem Geschäft die Kunde, dass der Geschäftsteilhaber des Prinzipals sich mit der Direktice verlobt hat. Der Kompagnon ist ein älterer, gesetzter Mann, der bis dahin vor lauter Arbeit und Schaffen nicht daran gedacht hat, sich eine Häuslichkeit zu gründen; die Direktrice, eine sehr ruhige Dame, still, bescheiden, häuslich, ohne Ansprüche ans gesellschaftliche Leben — kurz und gut: die beiden passen zueinander und werden ein Ehepaar, das sich fern vom Lärm und Getümmel des Lebens ein stilles, gemütliches Nestchen begründet.
Selbstverständlich bedeutet diese Heirat eine sogenannte Sensation, d.h. sie setzt die Zungen sämtlicher Klatschbasen beiderlei Geschlechts in Bewegung, und auch unter dem Geschäftspersonal bildet der Fall den Gegenstand eifriger Diskussion.

Auf unser Ladenfräulein aber macht die Nachricht noch ganz einen anderen Eindruck. Es setzt sich in den Kopf, was der stillen, bescheidenen Direktice möglich geworden ist, könne auch ihr, der hübschen, schicken, gewandten Verkäuferin, nicht unerreichbar sein. Hat doch der Chef einen erwachsenen Sohn, der sie in letzter Zeit wiederholt mit besonderer Achtung und Aufmerksamkeit behandelt hat! Gewiss, der junge Mann, der einjährig bei der Artillerie dient, hat ein Auge auf sie geworfen!
Und dann geht das kokette Spiel los, der junge Herr fängt Feuer, vom Küssen kommt es zu anderen Intimitäten, und leidenschaftlich schwört er, in ihr das Ideal seines Lebens gefunden zu haben. Er wird sie heiraten, aller Welt und auch seinen Eltern zum Trotz. Die Mutter ist stolz, entzückt, dass der junge Chef, natürlich ohne Wissen, der »Alten«, seine Angebetete im Wagen abholt und nach Hause zurückbringt, und endlich — ist das Unglück und der Skandal da. Der junge Mann teilt der Geliebten noch mit, dass die Eltern ihn zwingen, für mehrere Jahre in England Stellung zu nehmen, wiederholt die Schwüre ewiger Liebe, und dann verstummt die Korrespondenz, sie wird aus den Geschäft entlassen, das Kind, dem sie das Leben gibt, stirbt. Sie wird Chanteuse, d.h. Sängerin in einem Café, kommt herunter, herunter, und die Geschichte ist aus.

Was denkt ihr nun, dass ich dem besorgten Vater für eine Antwort gegeben habe? Ich habe ihm geschrieben, wenn ich einen erwachsenen Sohn oder eine Tochter hätte, so würde ich den Roman mit ihnen gemeinsam lesen, und besprechen würde ich mit ihnen den Inhalt, dass sie erkennen sollten, was er sagen will, die gewaltige, wuchtige Anklage, die er unserem jungen Volk ins Gesicht schleudert und den Eltern von heute dazu.
Das ist so ein Roman, den wir heute schier alle Tage erleben. Viele von unseren Müttern sind noch aufgewachsen in kleinstädtischer oder ländlicher Schlichtheit, in ihrer Jugend war das Leben anders als heute: rauher und härter. Den äusseren Schliff, das Elegante und Schicke, hat die Mutter in der Jugend noch nicht gekannt. Jetzt schaut die gute Mutter auf zu ihrer Tochter, die nach der neuesten Mode sich trägt, die hochdeutsch spricht, die neuesten Kunstausdrücke kennt, städtische Manieren mit städtischer Gesichtsfarbe vereinigt. Diese Tochter kommt der Mutter vor wie ein Ausbund aller Schönheit, Eleganz und Vornehmheit: sie scheint für einen Grafen oder einen Grossindustriellen gerade gut genug zu sein; andere haben Glück gehabt, warum die ihrige nicht!

Und das oberflächliche, kokette Kind, das willensschwache! Die ernste Bewunderung der Mutter tut ihrem Herzen so wohl! Und nun erst ein feiner Kavalier! Einer, um den sie andere beneiden! Ein Vornehmer, wie ihn nicht jede haben kann! Ach ja, die Mägdlein sind ja so vielfach zu oberflächlichem Denken erzogen, dazu, jede Bewunderung für ernst und jede Liebesbeteuerung für ewig zu nehmen; denken nicht, dass ein junger Mensch von 19, 20 Jahren den in der Leidenschaft abgelegten glühenden Schwur der Treue später gar nicht halten kann, weil seine Lebensverhältnisse andere sind, weil Familie, Gesellschaft und Beruf es ihm einfach unmöglich machen.
Und der junge Mensch, der nicht erzogen ist zu einer edlen Selbstüberwindung und Ritterlichkeit, sondern dazu, seine Leidenschaften zu befriedigen! Der für Liebe hält, was Sinnlichkeit ist, und vergisst, dass wahre Liebe sich kundtut in Selbstüberwindung und Opfer! Nicht wahr, solche Liebe, welche nichts ist als der überschäumende, gewaltsam Befriedigung fordernde Trieb, unterscheidet sich nicht von der Liebe, welche die Katze dem Kanarienvogel entgegenbringt, hier wilde Mordlust, dort wilde, ungezügelte Geschlechtslust, die nicht das andere sucht und in Ehren hält, sondern bloss auf Befriedigung drängt wie die Mordlust des unfreien Tieres.

Und kommen dann hinterher die Schwierigkeiten und Bedenklichkeiten, kommt dem jungen Menschen zu Bewusstsein, dass es eine gesellschaftliche Unmöglichkeit ist, dieses Wesen dauernd an sich zu ketten, nun, so zieht man sich zurück ins Ausland oder in die fremde Stadt und überlässt das ins Unglück gestürzte Wesen seinem Schicksal, sucht wohl gar nach einem Kumpan, der einen herausschwört, wenn man für Alimente verantwortlich gemacht wird.
Hegt darum nicht Wünsche und Hoffnungen, die eines Tages so furchtbar, so grausam können zerstört werden wie die Hoffnung des jungen Mädchens, von dem ich da oben erzählt habe. Nicht zu hoch hinaus wollen. Es ist verdächtig, wenn siech schon jemand aus höherer Gesellschaftsschicht eurer Tochter naht! Misstrauen ist dann gesund, tiefes Misstrauen. Sie machen sich heute manchmal nichts mehr daraus, ein Mädchen im Elend sitzen zu lassen.

Eine Schande ist es ja, das gebe ich zu, dass unsere jungen Männer mit Frauenehre und Frauenreinheit heutzutage manchmal umgehen, als hätten sie nie eine Mutter und gute Schwestern gehabt. Aber diese Schande wollen wir nicht bloss setzen aufs Konto der sogenannten »oberen Zehntausend« wenn wir es bessern wollen, so müssen wir alle mitsammen an die Brust schlagen.

Seid ihr euren Kameraden ernste, verständige Führer auf dem schwierigen Wege durch das Jugendland, besprecht mit ihnen die ernsten, grossen Lebensfragen und zeigt ihnen den Pfad, der aufwärts führt, wenn nicht zum irdischen Glück, so doch zu der stillen, bescheidenen Grösse ernsthafter Pflichterfüllung.

4