Die Vorzüge eines Kamins

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Warm und beschaulich. In die Flammen schauen, die Gedanken treiben lassen – das sind wohl die populärsten Assoziationen, die der Begriff „Kamin“ in den Köpfen der meisten Menschen freisetzt. Und die Sache mit dem Sex auf dem Bärenfell, is klar. Aber darauf will ich nicht hinaus.

Denn es geht auch anders: da war die Dame, die sich ein neues Häuschen ge- und das bisherige verkauft hatte; nach Abschluss aller Verträge wurde ihr klar: das neue Häuschen ist viel kleiner als das bisherige, und sie würde ihr Möbel auf keinen Fall alle darin unterbringen können. Zum Verschenken oder gar Verkaufen taugten die aber auch nicht mehr, denn wer wollte in den angehenden 90er Jahren schon 60er-Jahre-Schleiflackmöbel? Also rasch kleingehackt den alten Mist, und hinein in den Kamin – ich will mich nicht vorstellen, wie das gequalmt haben muss! Auch der Schornsteinfeger war nur minder erfreut von der Aktion. Glanzruß ist böse. Schrott über den Hauskamin entsorgen auch. Vor etwa einem halben Jahr nutzte ich einige alte Kontoauszüge zum Kaminanzünden; es war eine einmalige Aktion, und ich dachte nicht weiter darüber nach – es war eine elegante Art sich einfachen Papiers zu entledigen, das im Altpapier-Container nichts zu suchen hat. Dann fiel es mir wieder ein. Ich bewegte den Gedanken einige Zeit im Kopf, im Herzen, und heute setzte ich ihn schlussendlich in die Tat um.

Eine Tasse Kaffee, so, wie ich ihn mag; eine Zigarette, aus der drei wurden, obgleich ich nicht viel davon schmeckte – und doch. Mittels der buntgestreiften Decke verwandelte ich mich in eine Art Wolldecken-Mumie, auf dem neuen Sitzwürfel sitzend, leise ruhige Musik im Hintergrund. Ich atmete tief durch, griff dann neben mich, griff danach, was ich seit April 2005 nicht mehr angerührt hatte – mein Tagebuch. Und damit meine ich nicht diese niedlichen Tagebücher aus Kindertagen, die mit dem bunten Einband und dem Vorhängeschloss – solche habe ich auch, und die hebe ich gerne auf. Tagebücher zu füllen ist die erbärmliche Beschäftigung jener Menschen, die nicht das passende Gegenüber zum Reden haben; ich war solch ein Mensch (und vielleicht ist Bloggen auch nur das noch erbärmlichere Äquivalent dazu, in der Hoffnung, Antwort von Fremden zu erhalten? Ich weiß es nicht.) Es gab eine Zeit, die keine gute Zeit für mich war, und vieles, wenn auch nicht alles, habe ich aufgeschrieben – eine wortgewaltige Flut von Traurigkeit, Schmerzen und Verzweiflung.

Ich legte es mir auf die Knie – und ich las. Manchmal ungläubig. Hin und wieder laut lachend. Oftmals wollte ich nicht weiterlesen – weil ich ja genau wusste, wie es ausgehen würde. Aber ich las es trotzdem. Wort für Wort und sehr genau, weil ich wusste, es würde das letzte Mal sein, definitiv. Jede gelesene Seite riss ich heraus und schichtete sie säuberlich im Kamin aufeinander, eng beschriebene Seiten in meiner pedantischen, nach rechts geneigten Schrift. Mit jeder Seite, die ich dem Scheiterhaufen (AKA „dem Haufen Papier, der mein stetiges Scheitern jahrlang festgehalten hatte“) hinzufügte, wurde mir etwas leichter. Glaubt nicht, was die Schornsteinfeger und das Umweltamt euch erzählen: Schrott im Kamin zu verbrennen ist nämlich nicht böse. Solange es emotionaler Schrott ist, auf einfaches, ungebleichtes Papier gebannt.

Weg mit dieser Vergangenheit, ich will sie nicht mehr. Will sie nicht einmal mehr in der hintersten Ecke der verschlossensten Schublade, des entferntesten Schränkchens, nicht in der Garage, im Keller oder unterm Dach. Hin und wieder wird sie auftauchen, dagegen kann ich nichts tun, aber ich kann es ihr zumindest so schwer wie möglich machen. Und das hat lange gedauert: etwas über fünf Jahre. Ich weiß, dass einige meiner treuen Leser sich, wie ich, mit jahrealtem Ballast behängen und nicht davon loskommen, und vielleicht macht es euch ja Mut: es funktioniert. Man kann davon loskommen. Es dauert nur manchmal länger als ursprünglich gedacht. Und wenn ich das schaffe – dann schafft Ihr das auch!

Ich wünsche Euch das Beste für 2011. Prost Neujahr!