Roque Nublo

wall < "Gedanken zur Vereinbarkeit"

Broadcast message from spillerm@unixe.de (pts/1) (Mi Jul 04 13:55:24 2018):
4

Dies ist ein Artikel aus dem Archiv – ursprünglich ein Gastartikel auf dem Blog von @fam_zuschlag im April 2016. Da es diese Webseite jedoch nicht mehr gibt, hinterlege ich den Text hier – auf meinem Spielplatz…

„Was machen Sie beruflich?“ – eine Frage, die beispielsweise beim Arzt gerne gestellt wird. Meine Antwort lautet Systemadministration, und ich bin stolz darauf, auch wenn ich in der Regel anschließend erklären muss, was das eigentlich bedeutet: „Ich sorge dafür, dass meine Kollegen Internetzugang an ihren Arbeitsplätzen haben, Mails senden, empfangen und lesen können, helfe ihnen, wenn der Drucker streikt…“ – okay, damit kann jeder etwas anfangen. In den Akten wird meine Tätigkeit dann als überwiegend sitzend und kopflastig festgehalten.

Natürlich ist das nur ein sehr kleiner und sehr oberflächlicher Abriss dessen, was ich tue; ein unglaublich dynamisches Berufsbild, in dem das, was ich heute neu lerne, in drei Tagen bereits überholt ist. „Admin willst du nicht werden – Admin wirst du, wenn du nicht schnell genug wegrennst“ sagte mir vor vielen Jahren ein Freund, seines Zeichens selbst Admin, doch ich sah es anders: Unix-Systemadministration war (und ist!) mein Traumjob, und ich arbeitete mich verbissen durch zum Teil unsägliche Jobs und gegen jeden Widerstand („Sie glauben doch wohl nicht, dass wir Frauen in den Serverraum lassen?!“) auf meine jetzige Position – auf der ich bitteschön bis zur Rente zu verbleiben gedenke 😎

Damals

Ich fühlte mich als Frau in dieser Männerdomäne nicht ernst genommen, belächelt. Hatte oft den Eindruck, doppelt so viel leisten zu müssen, um auch nur die Hälfte der Anerkennung zu erhalten. Mein Vater war sauer, weil ich aus meiner Abneigung gegen Microsoft-Produkte keinen Hehl machte, und manchmal brüllte er mich an, dass kein Mensch diesen Unix-KramWIKIPEDIA je einsetzen würde. Ich war oft im UsenetWIKIPEDIA unterwegs und musste mir viel dummes Zeug anhören. Also machte ich die Probe aufs Exempel und erstellte Stephan, mein Alter Ego, das ich fortan meine vermeintlich dummen Fragen an die Community stellen ließ. Stephan erhielt in der Regel den gewünschten Support, wurde überwiegend freundlich in den Kreis der Geeks und Nerds, der Frickler, Bastler und Admins aufgenommen; Marianne wurde allenfalls belächelt, belehrt oder zum Essen eingeladen – in technischer Hinsicht saß sie an der Bordsteinkante und durfte nicht mitspielen.

Mich deprimierte das sehr, und zeitweise sah ich keinen Weg, sozusagen mein Geschlecht mit meiner Passion zu vereinbaren. Irgendwann — recht spät — erkannte ich jedoch zweierlei: dass die IT genau das Berufsfeld ist, in dem ich mich austoben möchte, egal was andere denken oder sagen. Und dass ein Alter Ego auf Dauer keine Lösung ist. Und so begann ich unter Klarnamen zu bloggen – technische Artikel in deutscher Sprache, möglichst gut verständlich. Ein Nischen-Blog.

Heute

Mutter zweier Töchter bin ich inzwischen, und seit der Geburt des ersten Kindes stellt sich diese Vereinbarkeitsfrage überraschenderweise erneut: in den Köpfen Außenstehender sind IT-ler Kinderlose mit Bart und Brille, die seltsame T-Shirts tragen, Gesellschaft meiden, wenig sprechen — und wenn, dann nur unverständliches Techno-Gebabbel. Oder, um den Duden zu zitieren: geek, 1. fader Kerl, Langweiler(in), engS. Kleidermuffel m 2. Trottel m 3. lästiger Kerl 4. komischer Typ 5. Computerfreak m oder auch Nerd, Substantiv, maskulin – sehr intelligenter, aber sozial isolierter Computerfan.

Substantiv. Maskulin. Meine Kinder wurden als arm bezeichnet, weil ihre Mutter so technikaffin ist — was gerne mit unempathisch und herzlos gleichgesetzt wird, zumindest in den Köpfen jener Mütter (ja, es waren bislang wirklich immer Mütter), die meine Antwort auf die Frage nach meinem Beruf mit ungläubigem „Oh Gott. Wie! Kann! Man! nur!“ quittierten. Meine Tendenz, Dinge sachlich anzugehen, wird mir negativ angerechnet, meine ganze Person aufgrund meiner Berufswahl sozusagen in eine möglichst abschließbare Schublade gepackt. In der Mommy-Bubble habe ich nie so recht Fuß gefasst, weder hier vor Ort noch online, und es gibt Momente, in denen mich das sehr deprimiert.

Ich passe nicht in Schubladen, doch ich musste Mitte 30 werden um zu erkennen: das ist auch gut so. Ich habe mein im Tragetuch schlafendes Baby auf dem Pezziball gewippt und mit der linken Hand ein flaumiges Köpfchen gestreichelt, während ich mit der rechten einen Mailserver konfigurierte. Ich habe aus dem Stillen keine Religion für mich gemacht und fiel dennoch in die Kategorie der „Langzeitstillenden“. Ich (über)erfülle einige der gängigen Klischees, die den meisten im Bezug auf IT-ler geläufig sind, und doch bin ich davon überzeugt, dass meine Kinder dadurch keine irreparablen Schäden davontragen werden. Dass ich Informatik studiert habe, macht mich nicht automatisch zu einer fragwürdigen Mutter.

Dass ich Mutter bin, macht mich jedoch auch beileibe nicht zu einem schlechteren Admin. Aber „Techies“ wenden sich ab von mir, meinem Blog, meinem Twitter-Account — weil ich (und das wurde mir in direct messages genau so mitgeteilt) Mutter bin. Weil ich — auch — über durchwachte Nächte schreibe, über tobende Kleinkinder, Kitastreik und Spielzeug. Mehrfach wurde mir nahegelegt, zwei Blogs zu betreiben — einen für die technischen Artikel, einen für den Family-Kram — und es beim Twittern ebenso zu halten. Ich dachte sogar darüber nach, erwog die Vor- und Nachteile.

Und kam zu dem Schluß, dass das lediglich eine modifizierte Version von Stephan wäre — und somit ein Verleugnen meiner selbst. Diese Zeiten sind vorbei.

Und in Zukunft?

Sachlichkeit, Technikbegeisterung und Authentic Parenting schließen sich nicht aus. Ich liebe meine Kinder — mehr, als ich es jemals für möglich gehalten hätte. Ich liebe meinen Job — und ich halte mich für privilegiert, weil ich darin keinen Beruf, sondern, ganz pathetisch, fast schon eine Berufung sehe. Ich bin, wer und wie ich bin — und ich lasse ziehen, wer damit nicht leben zu können meint.

Und wage zu hoffen, dass meine Kinder einer Generation angehören, in der diese Fragestellungen kaum noch Relevanz besitzen werden.

4