Liebe macht blind

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Diesen Beitrag schrieb ich vor 3 Jahren. Behalte das beim Lesen bitte im Hinterkopf.

Nach langer Zeit nun endlich wieder ein Kapitel aus der Informationsbroschüre »Kamerad oder Spielzeug?« — es heisst »Liebe macht blind?«, und der Text ist krass irgendwie. Die übrigen Kapitel findest du übrigens hier, und die restlichen — viele sind es nicht mehr — kommen demnächst. Eine einmal angefangene Sache möchte auch abgeschlossen werden :-)

Werde eines Tages zu Frau Schlampe gerufen, da ihr Mann krank ist. Ich kenne sie schon als Mädchen. Ich sag dir: Tipptopp von der Fußsohle bis zum Scheitel. Man sah ihr nicht an, daß sie aus einfachen Kreisen stammte. So nobel kam sie daher. Dazu konnt‘ sie reden wie ein Lexikon. Und richtig, damit angelte sie sich einen. Und der glaubte auch, er hätte an ihr ein Schnäppchen gemacht.

Kurz und gut. Es war gegen 12 Uhr. Folgendes liebliche Bildchen bietet sich mir dar. Am Boden ein malerisches Durcheinander. Die Bratpfanne auf der Erde, vom Morgen her, worin der Hund noch ein paar verbrannte Kartoffeln zurückgelassen. Auf dem Stuhl — das Becken mit schmutzigem Waschwasser. Auf dem Tisch — Brot und Butter und daneben — der Kamm. Wirklich ein Idyll zum Malen. Das schönste Stilleben. Oder vielleicht — Stall-Leben? Wahrhaftig, hab saubere Ställe gesehen! Brauche ich mich da zu wundern, daß der Ehemann, als Junge ein prächtiger Kerl, die meiste freie Zeit im Wirtshaus saß?

Ach, wieviel junge Menschen fallen mir sogenannten schicken Mädels herein! Die nur äußerlich etwas darstellen, aber innerlich inhaltslos und verwahrlost sind. Die alles können und verstehen. Nur nicht, was das Haus verlangt. Die keine Art haben, es sauber und heimelig zu machen, so daß man gerne im Hause verweilt. Von denen keine Wärme und Heimeligkeit ausgeht. Woher sollen sie es auch gelernt haben? Tagsüber im Geschäft, in der Fabrik, abends auf der Straße, und Sonntags auf Tour mit der Devise: Lasset uns das Leben genießen!

Wie unvorsichtig seid ihr doch, ihr Burschen! Liebe macht blind, so sagt man. Ich meine, das stimme nicht so ganz. Besser sagte man: Verliebtheit macht blind. Man sieht nur die schöne Gestalt, das schicke Kleid. Man läßt sich einwickeln von süßlichem, besser gesagt, seichtem, verliebtem Gerede und Geschwätz. Aber, Freund, es gehört viel mehr zum späteren Glück als ein schönes Kleid und Gesicht und tüchtiges Mundwerk!

Du kennst das zwar nicht schöne, aber immer noch wahre Wort: Die Liebe des Mannes geht durch den Magen. Das heißt, was nützt aller äußerer Firlefanz, wenn die Erwählte des Herzens nicht kochen kann. Und was ist das schönste Essen, wenn es sich nicht auf sauberem Tische präsentiert. Wenn das Drum und Dran nicht zum Essen einlädt. Bei Frau Schlampe hätte man mir das feinste Essen vorsetzen können! Ich hätte herzlichst gedankt. Du sicher auch.

Sieh da auch auf diese Dinge. Sie sind wichtiger, als du jetzt vielleicht denkst. Ein junger Mensch kann sich, auch bei bescheidenem Verdienst, eine traute Häuslichkeit schaffen, wenn er nur die rechte Hausfrau hat. Wie mancher, der mürrisch und verbittert von der Arbeit heimkehrt, vergißt daheim alles Mißliche. Aber wie traurig, wenn er vom Regen in die Traufe kommt.

Mach also die Augen schon zeitig in der Bekanntschaft auf. Das ist doch der tiefste Sinn und Zweck: sich gang kennenzulernen. Nur sich keinen Sand in die Augen streuen lassen.

Zum Schluß einige Winke für deine Beobachtungen: Ist deine Zukünftige auch sparsam und haushälterisch im Ausgeben — oder treibt sich dich auf euren Spaziergängen auf Kosten? Ist sie selbst schon am Sparen — oder wartet sie nur auf dein Geld? Hat sie in der „Schrapp-Kiste“, der Truhe, schon was liegen — oder wohnt in den öden Fensterhöhlen das Grauen? Ist sie ein Leckermaul — und muß sie simmer Eis und Pralinen schlecken? Ist sie fein und geschmackvoll in ihrer Kleidung — und doch nicht putzsüchtig? Macht sie sich selbst Kleider? Kann sie flicken, stopfen? — Oder sind ihr das polnische Dörfer? Hat sie auch Interesse fürs Heim und seine Gemütlichkeit — oder nur für Tanz und Kino? Hat sie auch Freude an der einfachen Aschenbrödelarbeit — oder tut sie’s nur in feinen Stickarbeiten und läßt die Mutter allein hantieren? Siehst du sie auch mal am Kochtopf — oder nur müßig in einen Roman vertieft? Alles Fragen, die du dir mal in Ruhe durch den Kopf gehen lassen mußt. Denk: Der Wahn ist kurz, die Reu‘ ist lang.

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