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Broadcast message from spillerm@unixe.de (pts/1) (Mi Mai 01 17:29:24 2019):

Ein Tweet macht die Runde

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Es war so ein klassischer Fall, ein emotional aufgeladener Tweet aus der Situation heraus: „Einen Anrufer, der auf meinem Büroapparat rauskommt und dann enttäuscht sagt »Da bin ich jetzt wohl im Sekretariat gelandet« darf ich verbal verhauen, oder?“ Die Resonanz auf diesen Tweet war hoch – so hoch, dass ich denke, er verdient einen Artikel, denn zu dem Thema gibt es durchaus mehr zu sagen.

Zahlreiche Frauen meldeten sich daraufhin zu Wort, und sie erzählten von ihren Erfahrungen – die sich von meinen im Wesentlichen leider nicht stark unterscheiden. Denn Frauen in technischen Berufen sind, entgegen dem, was in den Medien so gerne propagiert wird, eben mitnichten ein akzeptierter Standard: sie auszugrenzen, nicht ernst zu nehmen, ihre fachlichen Qualitäten in Frage zu stellen ist deutlich mehr Tagesordnung, als es Ausnahme ist.

Ein in verschiedenen Variationen wiederholter und sicher gut gemeinter Ratschlag lautet, Kommentare dieser Art zu ignorieren: derlei Anrufer ins Todwartefeld zu schieben, an die Telefonseelsorge weiterzuverbinden, die Rufnummer zu sperren. Gleiches spricht aus Sprüchen wie „du darfst dich da nicht drüber ärgern“ oder „du musst da cool bleiben“. Ich höre mir das nun seit 20 Jahren an und habe persönlich folgende Meinung dazu: klar, kann man machen. Und wenn man sich dabei wohl fühlt ist das für die Einzelne in gewisser Weise auch okay. Aber hinnehmen, sich nicht wehren, nicht aufstehen – das ist Akzeptanz (passt auch wunderbar auf die braune Scheiße, die uns da aus Richtung Politik entgegen kommt!). Und genau darin mündet Akzeptanz: in gesellschaftlich akzeptiertem Verhalten.

Nun kann man(n) mir (darf ich sagen: uns?) natürlich vorwerfen: Luxusprobleme. Quassel. Was investiert ihr da überhaupt Gedanken. Aber Akzeptanz dieser „Kleinigkeiten“ (Einschub: dieser Tag für Tag pieksenden, schmerzenden, demotivierenden und nervtötenden „Kleinigkeiten“) ebnet halt den Weg für die nächste Stufe. Und die übernächste. Und endet unter anderem in der wiederholt gelöschten Wikipedia-Seite einer Forscherin, in Frauen, die ihre Jobs hinschmeißen und in Branchen, die nicht nur unter der Hand als frauenfeindlich gehandelt werden.

Aus zahlreichen Gesprächen mit zahlreichen Männern weiß ich inzwischen, dass dieses gesellschaftliche Problem – denn nichts anderes ist es – nicht ausreichend wahrgenommen und somit völlig unterschätzt wird: mein Highlight der Typ der sich damit brüstete, dass solches Verhalten weder bei ihm noch in seinem beruflichen Umfeld denkbar sei – und der mich 15 Minuten später fröhlich mansplainte weil Frauen eben kein Auto fahren können. Was mich daran faszinierte war, dass er sich dessen überhaupt nicht bewusst zu sein schien – und ein großer Teil des Problems beruht auf genau jenem gedankenlosen Gequassel, das die Denkweise der 50er Jahre in die Gegenwart (und Zukunft!) transportiert.

Viele Männer sind sich offensichtlich überhaupt nicht im Klaren darüber, wie schnell sie sich auf sehr dünnem Eis bewegen; mein Tweet und alle Antworten darauf bündelten das und machten die Problematik greifbarer. Aber auf Twitter wird die Diskussion untergehen – deshalb biete ich euch die Kommentarfunktion hier als Plattform (Extra dafür überarbeite ich gerade meine Datenschutzerklärung, ihr Nasen! Macht was draus!): hier habt ihr im Zweifel auch mehr als 280 Zeichen, also haut in die Tasten, lasst eure Erfahrungsberichte hier, verlinkt zu euren Blogs wenn ihr wollt, bleibt anonym, wenn euch das lieber ist. Helft mir, das Problem ein wenig sichtbarer zu machen. Es ist an der Zeit.

Okay, ich könnte nun selbst ebenfalls eine endlose Liste unerfreulicher Anekdoten beisteuern; ich kann den Rest eurer Lesezeit aber auch mit ein paar Tipps befüllen, was ich mir stattdessen in Zukunft von euch wünsche – und was meiner Meinung nach auf lange Sicht das Problem entschärfen kann. (Einschub: reine Frauen-Programmiergruppen erkenne ich explizit nicht als Lösungsansatz an!). Da fehlen sicher noch einige Aspekte und ich freue mich über jeden Menschen der sich daran beteiligt, es zu vervollständigen.

  • Hört zu. Eine Kollegin erzählt euch, dass sie sich nicht ernst genommen fühlt, sie zu kämpfen hat, es sie aufzehrt: hört ihr zu und nehmt sie (verdammt nochmal!!1) ernst – die Wahrscheinlichkeit, dass sie das aus einer Laune heraus sagt, ist deutlich geringer als die, dass sie das seit Monaten schon umtreibt und sie sich nie darüber zu reden getraut hat.
  • Unterbrecht sie nicht. Beobachtet mal aufmerksam, wie oft ihr anderen Leuten und insbesondere Frauen ins Wort fallt (welt.de hatte dazu mal einen Artikel); nicht ausreden zu dürfen hängt eng zusammen mit „sich nicht ernst genommen fühlen“.
  • Tretet für sie ein. Ein gesellschaftliches Problem kann nur aus der Gesellschaft heraus entschärft werden; das ist mitnichten die Aufgabe von uns Frauen allein. Will sagen: auch ihr als Vorgesetzte und Kollegen müsst insistieren. Ihr dürft inakzeptables Geschrei nach „einem! richtigen! Techniker!“ nicht damit belohnen, dieser Bitte duch Vermittlung an einen männlichen Kollegen nachzukommen. Und noch weniger dürft ihr die betroffene Frau dazu auffordern, Art und Einstellung des Kunden (schlimmstenfalls auch noch mit dem beschwichtigenden Hinweis „du weißt doch, wie der ist!“) hinzunehmen. Macht euch klar, dass ihr damit dieses inakzeptable Verhalten mittragt. Dass ihr akzeptiert. Siehe oben.
  • Vermeidet Handlungsanweisungen und das Wort „einfach“. Klingt simpel, ist für viele Männer aber offenbar eine der schwierigsten Übungen: „Du musst einfach nur…“ oder „Dann mach doch einfach…“ geben nicht nur unerfreuliche rein lösungsorientierte Handlungsanweisungen, sie lassen diese auch noch als für jeden jederzeit ersichtlich und die Adressatin somit als dämlich dastehen. Dieses gesellschaftliche Problem ist aber explizit nicht durch uns Frauen in unseren gewählten Berufen und durch reine Anpassung zu lösen – diese Denkweise scheint mir eng verwandt mit „Sie wurde vergewaltigt, weil sie einen Minirock trug.“
  • Hinterfragt euch. Immer wieder, bitte. Ruht euch nicht darauf aus, dass ihr ja so nicht seid, sondern bleibt aufmerksam. Es reicht nicht, alle Schaltjahre mal „das Foto[tm]“ von Margaret Hamilton irgendwo zu posten mit dem Hinweis, dass die ja ganz schön großartig war; ihr habt großartige Kolleginnen im unmittelbaren Umfeld (und zum Mond fliegen ohnehin die wenigsten von uns). Seid, ganz plump gesagt, Vorbild: für Praktikanten und Azubis und alle, die nach uns kommen. Denn nur dann kann sich etwas ändern.

Und ihr Frauen: zieht nicht die Köpfe ein, nehmt es nicht hin – wehrt euch, sucht euch Unterstützung. Denn hinnehmen heißt akzeptieren, und das gilt für uns alle. Es wird sich nicht über Nacht ändern, nein. Das Wahlrecht für Frauen kam auch nicht über Nacht. Aber es kam. Lasst euch nicht einschüchtern!

So. Das steckte mir schon lange quer, das musste einfach mal raus. Und jetzt lasst uns da mal was bewegen. Unterschrift

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  1. Rinjah

    Danke für diesen Beitrag!
    So oft erlebt und meistens ignoriert oder runter geschluckt, weil es einfach so viel Kraft kostet sich immer zu wehren und zu erklären.

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