Immobiliensuche

wall < "YAES (Yet Another Endless Story)"

Broadcast message from spillerm@unixe.de (pts/1) (Mi Aug 01 13:59:11 2012):
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Diesen Beitrag schrieb ich vor 6 Jahren. Behalte das beim Lesen bitte im Hinterkopf.

Unsere Immobiliensuche dauerte lange und war eine in sich ärgerliche Geschichte mit vielen Rückschlägen.

Das Haus war auf dem Online-Portal recht gut beschrieben, es waren auch einige (wenn auch schlecht auflösende und winzige) Bilder dabei; der Preis schien hinnehmbar, der Besichtigungstermin mit der Maklerin war schnell vereinbart. Schon die Fahrt durch den Ortsteil liess jedoch Schlechtes ahnen — alles irgendwie dunkel, einen Tick heruntergekommen, ein bisschen ranzig halt. Das Haus selbst steht am Ende einer Sackgasse, und als wir hinkamen… traf uns fast der Schlag.

Das Haus steht leidlich gerade, hat aber einige tiefe Risse — die zumindest waren an jenen Stellen erkennbar, an denen die Eternitplatten der Aussenverkleidung abgefallen waren. Die Garage hinterm Haus neigt sich in einem deutlich sichtbaren Winkel nach links (Ihr kennt diesen Turm in Italien? So in etwa. Nur etwas schiefer und keine Touristenattraktion.) — Grubenschäden! Dass konkret hier überhaupt Abbaugebiet war hatten wir nicht gewusst, und in der Immobilienbeschreibung hat natürlich nichts gestanden… Da störte das mannshohe Unkraut denn auch gar nicht mehr so sehr. Dann kam die Maklerin.

Um die 50, schnittig und nicht auf den Mund gefallen präsentierte sie uns das Haus sozusagen als Schloss Neuschwanstein des Saarlandes; phantastische Fliesen, drei (!) Bäder, eine Doppelgarage mit Hebebühne. Dumm nur, dass das Tor der Doppelgarage aufgrund der Schieflage kaum noch aufgeht — die Frau hängte sich mit dem vollen Körpergewicht dran und versicherte uns mit hochrotem Kopf »rein optisch, sieht nur schief aus, steht aber wie ’ne Eins!«. Meine Frage, ob sie denn auch Statikerin sei, beantwortete sie mit wütenden Blick — und nein, Freude wurden wir auch im weiteren Verlauf der Besichtigung nicht.

Wir erkannten recht schnell die hohlen und gebrochenen phantastischen Fliesen im Flur, und das grösste der drei modernen Bäder war mit geschätzten fünf Quadratmetern sozusagen nur unwesentlich grösser als der Teppich, der in unserem jetzigen Bad liegt. Das kleinste der Bäder hatte das Format einer (schmutzigen) Briefmarke, ein blindes Dachfenster, und allen drei Bädern war ein anheimelndes Gussrohr im Format einem menschlichen Torsos gemein, das in den Ecken der Räume schräg herausragte und mit abblätternder Raumfarbe überstrichen war.

Nicht gelogen hatte die Beschreibung mit der Angabe »Fenster neuwertig« — verschwiegen hatte sie jedoch, dass sie

  • nicht zusammenpassten (Alu-, Holz- UND Plastikfenster an einer Hausfassade, das muss man sich mal reinziehen!) und
  • noch nicht alle eingebaut waren — einige lehnten im Keller an der Wand…

Wenig erwähnenswert war der Maklerin auch erschienen, dass es sich beim »Anbau« lediglich um zwei Balkone handelte, die mit billigen Fenstern und einem Wellblech-Dach verbunden worden waren… Von Isolierung natürlich keine Spur. Die Teppiche ranzig, die Deckenplatten fielen von den Decken, die Tapeten lösten sich bahnenweise, die Elektrik aus der Zeit Karl des Grossen (Porzellanknöpfe!) und der Aussenbereich ein Fall für Tine Wittler. Un-er-träg-lich!

Und mich macht das wütend. Dass diese Immobilien derart beschönigend beschrieben werden, man nimmt die Fahrtstrecken im überhitzten Auto mit nöligem Baby auf sich, und wofür das Ganze? Für nichts und wieder nichts. Und nicht nur einmal: da war der Altbau (der in Ordnung war) mit dem Anbau aus den 70ern, bei dem das Dach undicht und in Folge die Decken angefault waren; das Haus mit dem unbenutzbaren und feuchten Felsenkeller; das mit dem Konditorei-Equipment aus den 60ern im Keller, die Öltanks im ehemaligen Kühlraum; das mit dem Klo ohne Tür im Keller, wo jede Menge Bilder von Lady Di mit vergilbten Tesastreifen an der Wand klebten; das mit der überdimensionierten SAT-Anlage (»Die würde auch drin bleiben!«), die jeden Raum — auch die Toiletten und Bäder — mit Fernsehempfang versorgte; das mit der schimmelüberzogenen Kellerwand, die »vielleicht ein bisschen feucht sein könnte«; die Bauruine mit dem Garten, der aussah wie nach einem Bombenangriff (»Aber der Netzwerkschrank im Keller ist neu!«); das, bei dem sich der »grosszügige Carport für drei Fahrzeuge« als selbstgebauter Nut-Und-Federbrett-Horror mit faulendem Kunstrasen (!) entpuppte…

und selbst wenn die Immobiliensuche gelingt, man dann ein Haus findet, bei dem alles passt — Lage, Preis, Grösse, Raumaufteilung, technischer Stand — ist nicht gesagt, dass man dann fröhlich sein könnte. Dann geht es plötzlich um »mehrere Interessenten für eine Immobilie«, um Preistreiberei, Leute entscheiden sich um oder dagegen oder ziehen ihr Angebot gar vollständig zurück — es ist grausig. Jeder 2,50EUR-T-Shirt-Kauf im Internet ist übersichtlicher und besser abgesichert als sowas. Grrrr.

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  1. Pingback: Entwurzelt und verpflanzt | Localwürstchens Tagebuch

  2. Ich habe ja vor zwei Jahren auch ein Haus gekauft. Lass Dir gesagt sein, das die wirklichen Bausünden bei älteren Häusen tiefer versteckt sind ;) Da findet man in eigentlich ganz schoen durch die Vorbesitzer renovierten Bad verschiedene Metalle in der Installation, die in direktem Kontakt und in der Reihenfolge nicht zusammengehören, was einem die Rohe durch den Zustand auch deutlich sagen. Oder man findet Elektrokabel, deren Verleger noch nie etwas von geltenden Regularien gehoert haben, die einfach „Mach das nicht!“ zu bestimmten Dingen sagen.

    Und achja … und das mit dem Abspringen des Preistreiber … das kenne ich irgendwo her … ich hatte beim Hauskauf schon meinen Textbaustein, der meine Angewiderheit ob solchen Geschäftsgebarens zum Ausdruck gebracht hat …

  3. Zhuk -Der Klaus-

    Man darf nicht vergessen, Makler erhalten Erfolgsprovision – ein Treffer, und der Monat ist geregelt. Und da kann man es bei schlecht zahlungsfähigen Kunden (alles unter Einkommen kleiner 2 Mio.) gerne mal versuchen, die fünftklassige Liegenschaft als drittklassige zu verkaufen. Ja, gut, es ist nur eine Frage der Zeit, bis das Haus auf Grund von Baufälligkeit gesperrt wird, und im Saarland bekommt man als Entschädigung lediglich den traurigen Hundeblick eines Sachbearbeiters – aber was soll’s.

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