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Kurzgeschichte – Offline

Ich blicke mehr der Ordnung halber auf den Bildschirm. Alles wie gehabt, der fünfte Tag ohne das Internet. Weltweit weg.

Dieser Beitrag schrieb ich vor 7 Jahren. Behalte das beim Lesen bitte im Hinterkopf.

Ich blicke mehr der Ordnung halber auf den Bildschirm.
Alles wie gehabt, der fünfte Tag ohne das Internet.
Weltweit weg.

Schwerfällig erhebe ich mich aus meinem alten staubigen Sessel und gehe, auf einen Stock aus lackiertem Holz gestützt, langsam in die Küche. Ich nehme ein sauberes Glas aus dem Schrank, fülle es zur Hälfte mit kühlem, leicht chemisch riechendem Leitungswasser und stelle es auf den quadratischen Küchentisch am Fenster. Anschliessend entnehme ich dem Arzneimittelschränkchen meine vormittägliche Pillenration — eine rote, eine blaue, eine gelbe — und stelle diese, auf einem winzigen Porzellantellerchen mit Goldrand, neben das Wasserglas. Ich ziehe mir einen Stuhl heran, lasse mich schwerfällig darauf fallen und mache mich daran, die drei Pillen einzunehmen, systematisch, eine nach der anderen. Mein Blick gleitet über das schäbige Küchenmobiliar, das wellige Linoleum, die alte schwere Spüle aus ehemals weißem, nun mit haarfeinen dunklen Rissen durchzogenen Porzellan. »Die Wohnung eines alten Mannes«, denke ich, »unzweifelhaft«.

Meine Gedanken schweifen zu den Fernsehnachrichten, die ich in einem jener unsäglichen Boulevard-Magazine soeben gesehen habe — mir scheint, die ganze Welt sei verrückt geworden. Nicht nur diese halbnackte Moderatorin mit dem unaussprechlichen Doppelnamen, die ständige Zurschaustellung irgendwelcher angeblicher Prominenter — ich lehne das normalerweise ab, doch heute sehne ich mich fast danach, denn alle Sendungen, ganz gleich welche, befassen sich ausschließlich mit dem einen Thema: dem globalen Ausfall des Internets. Und ich weiß nicht einmal so recht, was das eigentlich bedeutet.

Am Mittwoch, glaube ich, fing alles an; ich war auf der üblichen Runde — vom Metzger zum Bäcker, Zwischenstopp bei Alfons, dann Zeitung kaufen und Tabakvorrat aufstocken und — tja, hier fing alles an. Keine Zeitung. Der gesamte Zeitungsständer wie geplündert, nur zwei türkische Ausgaben noch zu haben. Wie die Kaugummi kauende Verkäuferin mir frech versicherte: nichts, woran sie etwas ändern könne, die Zeitungen seien bereits kurz nach Ladenöffnung vergriffen gewesen. Zwischen zwei widerwärtigen Kaugummiblasen grinste sie und sagte etwas in der Art »na, irgendwoher müssen die Leute ja nun ihre Information beziehen«. Ich wusste nicht, was sie damit genau meinte, wollte aber auch nicht nachfragen — sie gehört zu jenen Menschen, die alte Leute wie mich mit »Oma« oder »Opa« bezeichnen, und zudem trägt sie eine kaputte Strumpfhose und einen seltsamen Stöpsel im linken Nasenflügel.

Mittwochabend, in den Tagesthemen, erfuhr ich es dann: kein Internet mehr verfügbar, auf der ganzen Welt nicht. Interviews wurden eingeblendet mit Leuten, von denen ich noch nie etwas gehört hatte. So bemerkte ein Mann mit rundem Gesicht — ich glaube, er hieß Ballmer — etwas von einer »Katastophe ungeahnten Ausmaßes«, und ein weiterer, an dessen Namen ich mich nicht erinnern kann, wischte sich immerzu mit dem Hemdzipfel über die Augen und murmelte etwas von Aktienkursen. Noch hysterischer aber die Aufnahmen, die der Sender in einer Fußgängerzone aufgenommen hatte: ratlose Gesichter, weinende Jugendliche und eine unfassbare Hektik. Ein pickliger Junge — der kann nicht älter als vierzehn gewesen sein! — faselte unablässig etwas von seinem Clan, seiner Gilde und dass alles sinnlos sei. Zu dem Zeitpunkt war das Internet schon nahezu 48 Stunden aus.

Am Donnerstag dann leichte Überraschung meinerseits, weil ich da etwas zu sehen bekam, was ich schon lange nicht mehr gesehen hatte: da standen die Menschen Schlange bei der Sparkasse! Und damit meine ich nicht zwei oder drei, sondern eher so zweihundert. Oder fünfzig. Es waren jedenfalls viele, und das lag daran, dass es an den Geldautomaten kein Geld mehr zu holen gab. Das hat auch etwas mit diesem Internet-Ausfall zu tun und ist schlimm, denn die Leute müssen nun eine Art Strafgebühr zahlen, wenn sie das Schalterpersonal beanspruchen. Oder vielleicht auch nicht, wie es in den Tagesthemen hieß — schließlich können die Leute ja nichts dafür, dass sie auf gewohntem Wege nicht an Bargeld kommen. Aber sicher müssen sie die Strafgebühr erst einmal zahlen und dann umständlich ihr Geld zurückfordern. So ist das ja immer.

Ich war dann in der Stadt, erst beim Arzt und dann beim Konditor Barkel, wo ich jeden Donnerstag nach dem Arztbesuch ein Stück Schwarzwälder Kirschkuchen esse und eine Tasse Kaffee trinke. Aber der Betrieb! Sonst sitze ich hier meist ziemlich allein, maximal in Gesellschaft Gleichgesinnter — was prinzipiell nicht schlecht ist, manchmal kommt man ins Gespräch. Aber am Donnerstag: alles voll. Junges Gemüse, und die meisten irgendwie deprimiert. Brauchte ich je einen Beweis dafür, alt zu sein: am Donnerstag habe ich ihn erhalten. Denn ich verstand nichts von den Gesprächsfetzen, die ich so aufschnappte.

Da war beispielsweise so ein jungscher Kerl im Anzug. Aber nicht im gut sitzenden schwarzen Zweireiher, mehr so eine Art Nadelstreifen-Schlafanzug, leicht zerknittertes Hemd und eine Frisur, als hätte er sich morgens nicht gekämmt. Aber die in der Werbung sehen meist ähnlich aus, und das, obwohl es da um Haarpflegeprodukte geht — das verstehe mal einer! Der Kerl jedenfalls redete sehr aufgeregt auf sein Gegenüber ein: er hätte eigentlich am Dienstag schon seine Umsatzsteuervoranmeldung einreichen müssen, aber das hatte nicht geklappt, weil eine Elster da nicht mitgespielt hat. Und an seine Kontodaten kam er auch nicht mehr ran, und beides hat mit dem Internet zu tun, das nicht geht.
Sein Gegenüber war so ein Pummeliger, mit langen Zotteln, die ihm in die blutunterlaufenen Augen hingen, und einem fleckigen Hemd mit einem obszönen Bild darauf; ich verstand dessen Antwort nicht, da er lediglich vor sich hin murmelte, wobei sein unrasiertes Kinn sich kaum bewegte. Er hielt eines von diesen neumodischen Telefonen in der Hand und starrte es mit müden Augen an, tippte und wischte immer wieder mit dem Zeigefinger der rechten Hand darauf herum und murmelte. Doch urplötzlich sprang er auf, er holte regelrecht Schwung und warf es mit Wucht in die Torten-Vitrine, wobei er verbale Fäkalien schrie und sich nicht mehr beruhigen wollte, während sein riesiger blasser Bauch unter den Rändern seines fleckigen Hemdes hervorkam. Überhaupt sah der Junge aus, als hätte er die Sonne schon länger nicht mehr gesehen. Und die Dusche auch, mal ganz davon ab.

Zwar konnte er von seinem Anzug-Freund irgendwie beruhigt werden, aber ich fühlte mich nicht mehr recht wohl in diesem Etablissement. Voller Freude dachte ich an die Zeitung in meiner Tasche, die ich — welch Wunder, es war die letzte ihrer Art — heute morgen erstanden hatte. Ich machte mich also auf in den Park, zum Lesen und Taubenfüttern. Den Lokalnachrichten konnte ich entnehmen, dass die seit zwei Jahren eine überaus aktive Theatergruppe in der Stadt am kommenden Wochenende eine Probe ihres Könnens präsentieren wird; der DLRG sucht motivierte Mitschwimmer, und in der Schrebergartensiedlung im Norden der Stadt gab es mehrere Zwischenfälle, bei denen zertretene Tulpen, schäumende Gartenteiche voller Waschpulver und geschminkte Gartenzwerge eine zentrale Rolle spielten. Doch ansonsten widmet sich auch die Zeitung in erster Linie diesem Internet-Ausfall, von dem ich immer noch nicht so recht weiß, was er für mich bedeutet, denn mein Leben ist nicht anders als vorher — bloß, dass unbeherrschte Jungens Mobiltelefone in Vitrinen werfen und ich um meine Morgenzeitung kämpfen muss. Doch ich fange an zu verstehen, weshalb plötzlich so viel Betrieb herrscht: viele der jungen Leute sind beurlaubt, weil sie ohne das Internet überhaupt nicht arbeiten können. Ganze Branchen bauen darauf auf, und denen ist nun die Grundlage entzogen. Da keiner die Kosten für den Ausfall tragen will, sprechen alle von höherer Gewalt, und in der Zeitung ist ein Bild von einem weinenden schmalen Männergesicht — »Auch Jobs ist verzweifelt« lautet die Bildunterschrift.

Zwei junge Mädchen lassen sich auf die Parkbank fallen; sie haben ummalte Augen und jede Menge klirrender Armreifen, und sie zerren ihre Taschen wie tote Hunde hinter sich her. Eine weint; ich würde sie gerne aufmunternd anschauen, aber sie guckt nicht hoch und schnieft nur. Sie ist verzweifelt, weil sie sich irgendwo nicht anmelden kann. Oder darf? Ein total süßer Junge hat ihr dort eine Nachricht geschrieben, und dem würde sie gerne eine Antwort schreiben, aber weil das Internet aus ist geht das nicht. Ich frage mich, warum sie ihn nicht anruft. Oder ihm einen schönen Brief schreibt. Aber auf die Idee kommt auch ihre Freundin nicht, beide sind gleichsam ratlos. »Geht es dir eigentlich auch so«, fragt die eine plötzlich, »die ganze Zeit überlege ich mir lustige Formulierungen, damit meine Follower bei Twitter was zu Lachen haben…« — »Ja«, sagt die andere, »geht mir ganz genauso.« Dann verfallen sie erneut in dumpfes Brüten. »Ruiniert mir das jetzt eigentlich mein Google-Ranking?«, fragt die eine, und die andere, die sich noch die Augen wischt, lacht plötzlich genauso besessen, wie sie zuvor weinte: »Welches Google?!«, fragt sie, und nun lachen beide.

Die Tagesthemen sind erschreckend; von Selbstmorden ist da die Rede, von Verschwörungstheorien und Massenaufständen. Es scheint, die ganze Welt sei verrückt geworden — die Kanzlerin hält sogar eine Ansprache. Während ich staunend beobachte geschieht etwas, was schon lange nicht mehr geschah: mein Telefon klingelt. Ich melde mich mit rauher Stimme, ein Schluchzen am anderen Ende der Leitung: mein Sohn. »Nichts geht, Vater«, und er schnieft verzweifelt. Ich hole Luft, um etwas zu sagen — doch ich weiß nicht, was. Mein Sohn am anderen Ende der Leitung, doch ich verstehe ihn nicht, ich verstehe seine Traurigkeit, doch nicht den Grund dafür. »Ich ertrage diesen Informationsrückstand nicht mehr. Meine Kalender synchronisieren nicht, ich kann keine Videodaten mehr abrufen, mein Tagesablauf ist zerstört. Ich fühle mich nutzlos und isoliert, kann meine Kontakte in den Social Networks nicht pflegen, nicht chatten. Ich fühle mich einsam.« — »Mein Sohn«, sage ich, ratlos, »hast du gesehen, dass die Sonne scheint?«.

  1. sehr coole geschichte. ein hoch auf die verlinkten artikel unter den neuen ;).

  2. tja. isoliert und nutzlos. das gefühl krieg ich dieser tage irgendwie auch MIT netzzugang hin 😐

  3. Sehr geil.

    Oeffnet einem wirklich die Augen, wie sehr wir doch alle abhaengig sind.

  4. Super-Cooler Artikel!

    Der wird gar manchen Leser wach rütteln. Ich konnte mich allerdings nur mit den „Arbeitslosen“ identifizieren. Twitter & Co werde/würde ich nicht vermissen.

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