Dorfleben

wall < "Rechtsfreier Raum"

Broadcast message from spillerm@unixe.de (pts/1) (Do Sep 06 23:14:45 2012):

Ihr meint, ich rede vom Internet? Nein. Heute möchte ich euch ein wenig davon erzählen, wie ich wohne.

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Diesen Beitrag schrieb ich vor 6 Jahren. Behalte das beim Lesen bitte im Hinterkopf.

Das Kaff, in dem ich wohne, ist winzig. Also nicht nur klein, sondern wirklich: winzig. Es ist so winzig, dass ich nicht nur innerhalb eines Tages alle relevanten Koordinaten mit dem Garmin ermitteln konnte, ich habe sie sogar am selben Tag mittels JOSM eingegeben, bearbeitet und an openstreetmap.org übermittelt. Und hatte dann immernoch locker Zeit zum Rauchen, Kaffeetrinken und Bloggen. Es ist nah an der französischen Grenze (~300m), es hat etwa 300 Einwohner, die Landwirtschaft ist rückläufig; zwei Drittel der Leute im Ort sind miteinander verwandt und tragen den selben Nachnamen, und der Dialekt wird mir auf ewig unverständlich bleiben — ein lothringisch-luxemburgisch-saarländisches Phantasiegebilde. Wenn ich es höre, nicke ich immer brav wie ein Hund auf der Hutablage und verstehe kein Wort.

Ich habe hier einige ruhige Jahre alleine gelebt, denn die Bevölkerung bestand, wie es in solcherlei Käffern ja öfter der Fall ist, vorwiegend aus älteren Leuten. Doch in den letzten Jahren geht der Trend in die andere Richtung: Grundstücke sind billig, und so zieht es immer mehr jüngere Leute bzw. Familien her. Und damit ging es dann los.

In unmittelbarer Nachbarschaft wird gerne gefeiert. Und auch oft. Und vor allem nie an Wochenenden: feiern kann man auch dienstags sehr prima. Und da wir ja auf dem Kaff sind, müssen wir uns an Ruhezeiten nicht halten. In der Praxis bedeutet das: die Party beginnt so gegen 19 Uhr, erreicht ihren vorläufigen Höhepunkt gegen 23 Uhr, endet gegen 2 Uhr nachts mit dem Einsingen des gemeinsamen Lieblingsliedes (das wiederum variiert, letztes mal war es »Waka Waka«) und der Verabschiedung der Gäste. Die Gäste wiederum sind besonders freundliche Gäste, die sich mit fröhlichem, lautem Lachen auf der Straße verabschieden, im Rudel die nächsten Termine vereinbaren und im Wegfahren noch ein paarmal kräftig auf die Autohupe drücken — ein Gruß für die Gastgeber.

Mir schwillt da der Kamm. Schon früher — und da musste ich morgens »nur« früh raus, um zur Arbeit zu fahren. Jetzt hängt da potentiell ein Rumpelstilzchen mit drin, das uns vom Zeitpunkt des Hupens an die Hölle heiß macht — alles schon passiert. Passieren kann das auch tagsüber, denn diese Ruhezeiten werden noch deutlich ausgiebiger ignoriert: der Nachbar hantiert so lange mit seiner Kettensäge, dass ich inzwischen davon ausgehen muss, dass er auch sein Geschirr mit der Kettensäge spült. Anders ist es nicht zu erklären, dass das Ding permanent läuft. Morgens um sieben. Abends um halb neun. Hat er genug Material zusammengesägt, rollt er seine Blechtonne vors Haus und beginnt damit, seine Abfälle zu verbrennen (was m.E. gar nicht erlaubt ist) — in erster Linie ein Happening, bei dem laut gelabert und viel getrunken wird (so bis gegen Mitternacht), aber halt auch eines, das mich aufgrund von Rauch und Gestank dazu zwingt, alle Fenster zu schließen — egal bei welchem Klima.

Ein weiterer Nachbar macht mich des öfteren sprachlos: der rennt um kurz vor 12 Uhr schnell in seinen Schoppen, zerrt den altersschwachen Traktor hervor, stellt ihn mit laufendem Motor in den Hof — und rennt wieder rein. Vermutlich erstmal essen (»Um 12 gebt gess!«), dann etwas schlafen — und der Traktor tuckert und tuckert. Diesel ist ja nicht sooo billig. Manchmal riecht der Ort auch ein wenig nach Pommes-Frites-Bude.

Der Bursche in der Nachbarschaft malträtiert derweil sein Mofa. Täglich bockt er es vorm Haus auf, schraubt daran herum, setzt sich anschließend den Helm so seltsam auf den Kopf — ihr wisst schon, so dass die Stirn vom Visier bedeckt wird, aber das Gesicht frei bleibt — und macht eine Probefahrt mit gesundheitsbedrohlicher Maximalgeschwindigkeit (etwa 15km/h). Diese Probefahrt endet in aller Regel nach etwa 200 Metern — und somit vor unserem offenen Schlafzimmerfenster. Dann versucht er, das Gefährt wieder anzutreten… der Motor spuckt… jault irgendwann auf… dann erstmal Vollgas, damit er auch an bleibt — ohrenzerfetzend. Manchmal sind sie zu zweit, und das Mofa des Kumpels klingt ebenso kaputt. Ich frage mich: was machen die da? Was? Auspuff absägen? Löcher reinbohren? Manchmal möchte ich beide an den Ohren in die Scheune zerren, auf die Honda zeigen und sagen »Das ist ein Motorrad, Jungs!«. Ich gönne jedem Menschen seinen Spaß, solange er mir meinen Schlaf gönnt — und diese »Probefahrten« nachts um 12 sind mehr, als ich ertragen will.

Was fehlt? Achja, jedes Kaff hat natürlich seinen weithin bekannten Bewohner, so einen haben wir auch; nüchtern ist er im Prinzip nie, arbeiten geht er auch nicht, und das Haus, in dem er lebt, macht mir Angst. Strom und Wasser sind Gerüchten zufolge schon lange abgestellt, und diese These erhärtet sich dadurch, dass er sich (selten) am Dorfbrunnen wäscht und auch mal Kanaldeckel als Toilette benutzt. Seinen Brennholzvorrat und Werkzeugkasten stockt er in den Gärten der umliegenden Grundstücke auf, und ich bin froh, dass wir inzwischen einen ordentlichen Zaun haben — zu verschenken haben wir auch nichts, schon gar nicht auf die Art.

Fast harmlos sind da die Landmaschinen, die das Bild hier inzwischen beherrschen — das sind nichtmehr diese niedlichen Mini-Treckerchen, die in einer blauen Dunstwolke durch den Ort tuckern, sondern diese Hochhäuser auf Rädern, die einen auch mal auf der Autobahn überholen können; die donnern inzwischen zu jeder Tages- und Nachtzeit durch, schalten ihre Flutlichtanlagen ganz gerne auch innerorts nicht ab, und vor allem: sie bremsen nicht, sie jagen mit 80 Sachen den leeren Anhänger über jeden Kanaldeckel und durch jedes Schlagloch. Bei dem Geräusch bin ich schon mehr als einmal vor Schreck aufgesprungen.

Den niedlichen Mini-Trecker gibt es natürlich auch noch: der ist mit Blumengirlande geschmückt, und jedes Wochenende zieht er Kreise, im altersschwachen Anhänger zwei Kästen Bier, einen Ghettoblaster und die gesamte »Fammilisch«, die singt, mit Leergut schmeißt und dem stockenden Verkehr Grimassen schneidet. Ich vermute, die Leute sind neu zugezogen — solche Aktionen machen immer »die Neuen«. Man erkennt sie daran, dass sie alles hier toll finden.

Ich bin keine von ihnen.

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  1. Boah, hab ich gerade gelacht. Und das, obwohl der Artikel im Prinzip ja gar nicht lustig ist. Nur richtig gut geschrieben bzw beschrieben.

  2. Dralzheimer

    Wie wäre es denn wenn du die Dorfgemeinschaft mit einer mysteriösen Messkampagne mal ein wenig aufmischst?

  3. Hmmm … ein Einsteindorf … everyone is a relative ;)

  4. hmmmm…. bring doch einfach mal die feiernden leutchen mit dem kettensägenhannes zusammen. das könnte richtig spritzig werden…

  5. Ich lachte! Bin auf dem Dorf aufgewachsen und hatte es gerade begonnen, es golden zu glittern.

  6. Very funny once again. How did end up in a place like this?

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