Gut gegen Nordwind Glattauer

wall < "[Rezension] Daniel Glattauer – Gut gegen Nordwind"

Broadcast message from spillerm@unixe.de (pts/1) (So Apr 11 10:21:13 2010):
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Diesen Beitrag schrieb ich vor 9 Jahren. Behalte das beim Lesen bitte im Hinterkopf.

»Schreiben Sie mir, Emmi. Schreiben ist wie küssen, nur ohne Lippen. Schreiben ist wie küssen mit dem Kopf.«

Der Klappentext von Daniel Glattauers Roman liest sich verheissungsvoll: durch einen Tippfehler landen Emmi Rotheners Nachrichten nicht beim eigentlichen Empfänger, sondern bei Leo Leike — und aus dem ursprünglichen Irrtum entwickelt sich ein »aussergewöhnlicher Briefwechsel, wie man ihn nur mit einem Unbekannten führen kann«. Eingekuschelt in einen Starbucks-Sessel las ich die ersten Seiten, einen Caramel Macchiato in der Hand, und der mir gegenübersitzende Fremde vertraute mir mit einem Lächeln an: er habe erst kürzlich das Hörbuch quasi eingesaugt und konnte nicht genug davon bekommen — ja, ich würde wissen wollen, wie die Geschichte weitergeht, ich würde den zweiten Band auf jeden Fall lesen wollen.

Ich las das Buch im Urlaub, und auch 25°C und Sandstrand liessen mich darin mitnichten »einen der zauberhaftesten und klügsten Liebesdialoge der Gegenwartsliteratur« erkennen; die Grundidee ist schön, wenn auch nicht neu — ich erinnere an dieser Stelle an die Roman-Reihe Chat, Connect, Crash von Nan McCarthy — doch muss sich der Leser mit irgendeinem Pfeiler eines Buches identifizieren können. Was mir nicht gelungen ist: die hysterische, zickige, um nicht zu sagen: nervige Emmi liess mich keinerlei Parallelen zu meiner Person, Gefühlswelt oder Denkweise erkennen, und auch für den ach-so-schlauen, in sich gekehrten, romantischen und gewollt zynischen Leo konnte ich keinerlei Sympathien entwickeln.

Und so schleppte ich mich mehr durch die 223 Seiten, als dass ich sie mit Genuss gelesen hätte; zwei Protagonisten, die, eine wie der andere, wie zwanghaft das letzte Wort haben wollen, ohne dass sie wirklich etwas zu sagen hätten. Im Grunde genommen geht es nur um die eine Frage: soll man aus der reinen Anonymität der »Online-Brieffreundschaft« ausbrechen, sich persönlich kennenlernen — oder es lieber lassen? Dieser Frage nähern sich die Hauptdarsteller aus allen Himmelsrichtungen, ohne wirklich zum Schluss zu kommen, abgerundet durch halbintellektuelle Spitzfindigkeiten. Was ich damit meine? Beispielsweise »Nach fünf Jahren Gegenwart ohne Zukunft habe ich endlich in die Mitvergangenheit gefunden.« — Oder auch »Mich verblüfft am meisten, wie Sie »Zehennägel« aussprechen, Emmi. So ein anmutiges, sanftes, dunkles, klares »Zehennägel« habe ich noch nie gehört und hätte ich Ihnen auch niemals zugetraut. Kein Kreischen, kein Gurgeln, kein Krähen. Ein richtig schönes, weiches, elegantes, geschmeidiges, samtfüssiges »Zehennägel«.«

Langatmig, langweilig, unromantisch. Unerotisch. Unsympathisch. Enttäuschend. Ich wünschte, ich könnte den Wirbel verstehen, den das Buch ausgelöst hat — die begeisterten Kritiker, die vielen positiven Rezensionen. Empfehlen? Nein, empfehlen kann ich es nicht, es sei denn, du liegst gerade krank im Bett und hast deine Fernbedienung verloren. Ich würde den zweiten Teil in jedem Fall lesen wollen? Nein, Fremder. Die 10€ wären mir zu schade…

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  1. zuersteinmal vielen lieben Dank für deinen Kommentar auf meinem Blog. =)

    Dann:

    Ich habe es noch nicht gelesen, obwohl ich in einem Buchladen arbeite und es oft in der Hand hatte. Der Klappentext klingt echt gut, aber ein erstes reinlesen überzeugte mich noch nicht.
    Wenn ich hier deine Kritik so lese, dann kommt es mir nicht so vor, als sei ich die einzige, der das Buch nicht zusagt. Obwohl viele Kunden, und auch viele Leute, die ich so kenne, das Buch loben und mir ständig sagen, wie toll es ist, werde ich nach ein paar mal querlesen überhaupt nicht warm damit..
    Diese Rezension bestärkt mich jetzt noch ein wenig mehr in dem Gedanken…

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