Tagebuch für Nikolas Patterson

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Diesen Beitrag schrieb ich vor 8 Jahren. Behalte das beim Lesen bitte im Hinterkopf.

Für Katie bricht eine Welt zusammen: der Mann, den sie liebt, den sie heiraten wollte und von dem sie, wie man später erfährt, ein Kind erwartet — er hat sie verlassen, ist einfach verschwunden. Ohne wirkliche Erklärung — nur mit der Versicherung, dass er sie liebe. Sie sinniert über ihre Beziehung zu diesem Mann, über die vergangenen 11 Monate, die ihr wie der Himmel erschienen, in denen es nur eine einzige, jedoch immer wiederkehrende Trübung gab: Matts Weigerung, über sein Leben vor Katie zu sprechen, seine Vergangenheit.

Nach einigen Tagen lässt Matt ihr ein Tagebuch zukommen, mit der Bitte dieses zu lesen — sie würde ihn dann besser verstehen, seine Beweggründe. Verfasserin dieses Tagebuchs ist Matts Ehefrau Suzanne, gerichtet ist das Tagebuch an Matts und Suzannes gemeinsamen Sohn — Nikolas. Und Suzanne beschreibt für ihren Sohn alles: wie sie, erfolgreiche Ärztin in einem Bostoner Krankenhaus, ihrem bisherigen Leben den Rücken kehrte und die Praxis eines Landarztes auf einem kleinen Eiland übernimmt. Wie sie Matt kennen und lieben lernt und wie beide erst eine phantastische Hochzeit, anschliessend traumhafte Flitterwochen und überhaupt die grossartigste Ehe aller Zeiten führen. Schliesslich die Schwangerschaft und die heikle Geburt des gemeinsamen Kindes.

Doch auch die Schicksalsschläge verschweigt die Schreiberin nicht: bei der zweiten Schwangerschaft kommt es zu bösen Komplikationen — sie verliert das Kind. Ihr Gesundheitszustand ist bedenklich, leidet sie doch an einer ernstzunehmenden Herzschwäche. Umso mehr geniesst sie die Zeiten mit Mann und Kind, den Wind am Strand, die Sonne, das Leben auf der Insel.
Die letzten Seiten des Tagebuchs sind nicht mehr von ihr beschrieben, sondern von Matt selbst: er beschreibt, wie er seine Frau und seinen Sohn zuletzt sah, was er dabei empfand. Beschreibt seine Gedanken, nun, da beide nicht mehr bei ihm sind. Beschreibt die Einsamkeit, die Hilflosigkeit und die Selbstvorwürfe — denn seine Frau verunglückte tödlich mit dem Wagen, da sie während der Fahrt ein Herzanfall ereilte, und auch ihr Sohn konnte nicht mehr lebend aus dem Autowrack geborgen werden.

Zuguterletzt finden Katie und Matt aufgrund des Tagebuchs wieder zusammen: Katie versteht nun alles viel besser, und Matt kniet auf offener Strasse vor ihr und fleht um Verzeihung.

Ächz.

Das kommt also davon, wenn man sich billige Hörbücher kauft.

Gesprochen wird das Hörbuch von Franziska Pigulla, den meisten wahrscheinlich am ehesten bekannt als Synchronsprecherin der Gillian Anderson (»Scully«, Akte X), und die spricht das Buch genauso schwülstig und überzogen, wie es schlussendlich auch geschrieben ist. Das Ganze platzt nahezu vor Superlativen — diese kleine Familie ist perfekt, Matt ist wundervoll, Baby Nikolas ist vollkommen — und wenn zum fünfzigsten Male fällt: »Matt, Suzanne und Nikolas — ist es nicht ein Glück?!«, so kann der verzweifelte Leser gar nicht anders, als die Augen entnervt himmelwärts zu richten und tief zu seufzen.

In der Nachschau tut sich so manche Frage auf: der supertolle Matt, der da diese phantastische Ehe führte, das Wahnsinns-Kind und die Wahnsinns-Frau hatte, musste beide auf den Friedhof tragen — und hat 13 Monate später schon eine Neue, der er absolute und ewige Liebe schwört? Bastard! Und überhaupt: er heiratet eine herzkranke Ärztin Mitte dreissig, und die beiden klären im Vorfeld nicht mit Fachleuten, ob eine Schwangerschaft vielleicht gefährlich werden könnte? Dann kommt dieses Kind per Notkaiserschnitt zur Welt, viel zu früh, und es kostet sowohl Mutter als auch Kind fast das Leben — und trotzdem verhüten die Eltern im weiteren Verlauf nicht? Und zu guter Letzt steigt die herzkranke Dame in ein Auto, was sie sich angesichts ihres gesundheitlichen Zustands wohl besser verkniffen hätte, nimmt das Kind im Auto mit und beide verunglücken — da soll ich nun Mitleid mit dem Typen haben? Ich weiss ja nicht.

Alles in allem eine Enttäuschung, und ich würde das Werk auch keinesfalls weiterempfehlen — weder als Hörbuch, noch als Buch.

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