Kamerad oder Spielzeug?

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Diesen Beitrag schrieb ich vor 7 Jahren. Behalte das beim Lesen bitte im Hinterkopf.

Hier nun das Kapitel »Schundliteratur« aus der Informationsbroschüre »Kamerad oder Spielzeug?«. Die übrigen Kapitel findest du hier.

Wenn im Jungen die Geschlechtsreife beginnt, dann drängen sich in seine Phantasie gaukelnde Bilder von Lebens- und Liebesglück. Vielleicht klingen sie zart und traumhaft ans Herz, vielleicht aber wühlen sie auch die tiefsten Leidenschaften auf und suchen den jungen, unbesonnenen Menschen fortzureissen zur Sünde. Das ist dann für ihn eine grosse Gefahr: denn wenn er einmal auf dem Wege der Sünde ist, so geht’s gewöhnlich immer mehr bergab. Er verroht, vertiert. Manchmal trifft man ja solche tierischen Menschen, welche gar keine Scham mehr kennen, gar keine Hochachtung vor dem anderen Geschlecht; denen jedes Weib ein Frauenzimmer ist, und denen hinterher auch ihr eheliches Weib nichts ist als ihr Frauenzimmer; widerwärtige Tiermenschen im wahsten Sinne.

SchundliteraturIhr seht, liebe Werkjungen, den hohen Wert, aber auch die grosse Gefahr der Phantasie. Sie treibt den jungen Menschen voran, spornt ihn zur Tätigkeit an, zum wackeren Streben. Sie treibt das heranwachsende Mädchen, dass es sich für seinen zünftigen Beruf vorbereitet, dass es all jene Dinge lernt, welche für das zünftige Hausmütterchen, das beglückende, liebende, sorgende Weib notwendig sind. Aber die Einbildungskraft stösst auch manchen auf die Bahn der Sünde und des Verbrechens und lässt manch einen im tiefsten Unglück enden.

Die rechte Entwicklung, aber auch die rechte Zügelung der Einbildungskraft ist darum ein sehr wichtiger Teil in eurer Bildungsarbeit. In der guten alten Zeit — ei, da wurde, die Einbildungskraft schon geweckt; da wusste die Mutter zu erzählen die schönen Märchen und Geschichten, die sich fort- und forterlebten von einem Geschlecht zum anderen. Da sassen sie des Abends zusammen in der Spinnstube, einer einer wusste mehr zu erzählen als der andere.

Heutzutage jedoch — die Mutter hat nicht mehr die Zeit und Lust zum Erzählen. Die alten Märchen sind vergessen, seitdem es besonders für die Einbildungskraft des Stadtkindes kein Märchenland und keinen geheimnisvollen Märchenzauber mehr gibt.
Aber die Stadt von heute, wo man die Nachbarn und Mitbewohner des Hauses nicht mehr kennt, nicht mehr weiss, was sie tun und wovon sie sich nähren, wo es so viele Schlupfwinkel gibt und Gassen, so viele unterirdische Kellergewölbe und Kloaken, so viele düstere Höfe und unheimliche Kneipen, so viele geheimnisvolle Gestalten: Verbrecher, Zuhälter, Dirnen, Geheimpolizisten u. vgl. — das ist das neue Märchenland geworden, in dem die Einbildungskraft des Heranwachsenden ihre Fäden spinnen kann.

Und in dieser Stadt von heute, in diesen Kellern und Kloaken, unter diesen Heimatlosen im Asyl, da spielt die Volksliteratur, der man den Namen Schundliteratur beigelegt hat. Wie kommt diese Literatur zustande?

Ei, da sitzt irgendwo in der Stadt ein verkommenes Genie, ein verlotterter Student, ein verkrachter »Künstler«, der bietet sich dem Verleger an, der das Kapital und die Maschinen hat: er will ihm einen Kolportageroman schreiben. Sie werden handelseinig. Der Titel wird vereinbart, und nun geht die Arbeit los. Die erste Lieferung erscheint zu 10 Pfennig. Am Schluss bereitet sich etwas Grässliches vor, aber mittendrin ist das Heft zu Ende. Der blutrünstige oder aber nervenreizende Titel, das Bild auf dem Umschlag, die Reklame besorgen dem ersten Heft einen ausgedehnten Leserkreis.

Wer mit gierigem Auge das erste Heft verschlungen hat, wartet mit Spannung auf das zweite. Vielleicht ist das nicht so blutrünstig, nicht so wollüstig wie das erste. Soweit als möglich möchte sowohl der Verleger als auch der Schreiber ein anständiger Mensch bleiben.
Beim dritten Heft erhält der Schreiber vom Verleger einen Brief folgenden Inhalts: »Sehr geehrter Herr! Der Roman zieht nicht; vom dritten Heft sind viel weniger Exemplare abgesetzt also vom ersten und zweiten. Bitte also im vierten Heft unbedingt Spannung, Sensation, ein paar Morde, einige Ehebrüche, am Schluss etwas Fürchterliches — Grabgewölbe — Sie wissen, wie ich es meine, und ich vertraue Ihrer Erfindungskunst.«
Nun also wird’s wieder fürchterlich, um das vierte Heft reissen sich Lehrbuben, Gymnasiasten, höhere Töchter, Fabrikarbeiterinnen. Es reisst das dritte Heft mit durch. Und so geht denn die Geschichte weiter: der eine erfindet immer greulichere Abenteuer und Heldentaten, der andere beobachtet den Markt. Hundert und mehr Lieferungen hat oft ein solcher Kolportageroman. Daneben laufen dann abgeschlossene 10-Pfennig-Hefte, teils heilloser Unsinn, teils geschlechtlicher Schmutz der allerniedrigsten, allertollsten Art.

Begreift ihr, dass durch solche Erzeugnisse eure Einbildungskraft vergiftet werden kann? Eine Jugend, die sich mit diesen Tollheiten den Kopf füllt, die vielleicht gar durch sie auf den Weg der Verirrungen kommt, muss für den ernsten Lebenskampf untüchtig und untauglich werden.
Begreift ihr nun, weshalb Staat und Kirche gemeinsam vorgehen gegen diese Art Literatur, gegen die Schundliteratur? Der Staat hat für die leibliche Gesundheit seiner Bürger zu sorgen, die Kirche für die geistige Gesundheit der ihrigen. Darum hat der Staat die Lehrer aufgerufen, sie sollen doch recht achtgeben und der Jugend die Schundbüchlein wegnehmen. Aber ihr versteht auch, dass da nichts zu machen ist, wenn ihr nicht helft. Sorgt dafür, dass die Werkjungen allmählich lernen, diese Art Literatur mit Ekel und Verachtung zu strafen.

So mundet auch die Schundliteratur bloss dann, wenn man für edlere, bessere Erzeugnisse der Erzählungs- und Dichtkunst kein Verständnis hat, wenn man noch zu roh, zu barbarisch ist, sie zu würdigen, und darum ist das beste Mittel gegen all den Schund und Schmutz eine Veredlung des Geschmacks, Weckung verständnisvoller Freude an dem, was wahrhaft gross und schön ist.

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