Beta-Software im Produktivbetrieb
„Software is like sex: it’s better when it’s free.“
OpenSource ist die deutliche Kampfansage den üblichen kommerziellen Software-Angeboten gegenüber, und der Grundgedanke dahinter ist schön: Software die nichts kostet, die aufgrund offener Quellen an eigene Bedürfnisse angepasst werden kann, Weiterentwicklung anhand des Feedbacks der User, Abkehr vom Mainstream, Individualität. In den Köpfen so mancher hat sich leider die Denkweise durchgesetzt, dass Betriebssysteme und -programme keinen Kostenfaktor darstellen, darstellen dürfen.
Die Repositories sind voll, und prinzipiell findet sich für jede Anwendung das gewünschte Tool. Was sich auf der Website so gut liest sind in Wirklichkeit aber vielleicht drei Schüler, die irgendwann ein halbgares Projekt anfingen und es in drei Wochen aufgeben werden. Support? Jedes Projekt, das etwas auf sich hält, bietet einen unübersichtlichen Wust an Mailinglisten (wehe, du schreibst dein Anliegen an die falsche!), einen Wiki (meist mangelhaft gepflegt, und im schlimmsten Fall verweist jeder zweite Link auf ein „Coming soon… (hopefully)“) oder gar ein Webforum, in dem erst einmal eine Registrierung fällig ist. Hat man es denn geschafft, den richtigen Weg für eine Anfrage oder einen Bugreport zu finden, sind die Möglichkeiten für den weiteren Verlauf zahlreich:
- In vielen Fällen erhält man überhaupt keine Antwort; das Problem habe ich oft, wenn ich per Google nach einer Fehlermeldung fahnde – die Frage wurde schon zigmal gestellt, doch nie beantwortet.
- Oft erhält man unbrauchbare Antworten; plötzlich findet man sich in einer Diskussion über irrelevante Teilaspekte wieder und merkt, dass viele der anderen offenbar noch ratloser sind als man selbst (bloß geben die’s halt nicht zu). Abschuss sind Tickets, die innerhalb weniger Minuten geschlossen werden mit dem fast schon dreisten Kommentar „Wir wissen, dass das nicht geht, wir kümmern uns aber nicht drum; du kannst uns ja einen Patch schicken und wir gucken dann, ob wir ihn einbauen…“.
- Hin und wieder erhält man tatsächlich hilfreiche Antworten; diese können aber durchaus mit einigen Tagen Verzögerung eintrudeln.
Soweit, so gut. Beta-Software stellt dementsprechend eine nicht unwesentliche Steigerungsstufe des eben genannten dar. Der für mich wesentlichste Unterschied ist, dass die Dokumentation hier noch beschissener bzw. schlichtweg nicht vorhanden ist. Patches fliegen innerhalb kürzester Zeit auf den Download-Server, und die Updates beziehen sich in aller Regel auf critical bugfixes. Offenbar ist der Kostenfaktor aber das einzige, was zählt; und OpenSource-Software ist per Definition klasse, da kann man ruhig Beta einsetzen. Produktiv.
Mir stehen da regelmäßig die Haare zu Berge. Bei meinen Heimanwendungen kann ich es verschmerzen wenn mal etwas nicht geht, wenn eine Anfrage tagelang nicht auf Resonanz stößt, wenn der Fehler erst im nächsten Release behoben wird – oder gar nie. Aber produktiv? Die Einrichtung der Software kostet, wenn nicht sauber dokumentiert, ein x-faches an Zeit (die ja bekanntermaßen auch Geld ist), und das ständige Troubleshooting im laufenden Betrieb zusätzlich. Nur hat man dann, wenn’s dumm läuft, auch noch einen gereizten Kunden an der Backe, den man beruhigen muss. An das ständige Einspielen der ständig erscheinenden Patches traut man sich garnicht richtig dran Und wenn sie dreimal critical sind, so hat man über die Mailingliste doch schon erfahren, dass andere Anwender nichts wie Ärger hatten nach dem Update.
Auf Produktivsystemen hat Beta-Software nichts zu suchen, so einfach ist das. Je nach Anwendungsgebiet sollte man überhaupt hinterfragen, ob der Einsatz einer Software ohne jeden wirklichen Support sinnvoll ist. Oder ob die paar Kröten für einen wirklich fähigen Hotliner sich nicht doch lohnen würden.
7 Kommentare
Von: Dr. Azrael Tod
2008-05-29 19:14:59 +0200
ich glaube ein grosser Teil des Problemes ist die Einstellung des Anwenders selbst..
Bei herkömmlicher Software hat man ein Problem, kennt keine Lösung und gibt auf oder wendet sich im Höchstfall an den Hersteller.
Bei OpenSource fängt man automatisch immer erstmal per Google zu suchen an und bastelt etliche Stunden an dem selben Problem rum. Es würde kaum jemand auf die Idee kommen, an einem schweren Bug unter windows ewig rumzuflicken und einzelne Teile zu deinstallieren/reinstallieren. Man würde Windows einfach neu installieren und sich freuen wenn es danach wieder geht. Das ironische an der Sache ist, dass Unix-artige Betriebssysteme dank ihrer Dateisystemstruktur viel schneller nach einer Reinstallation wieder sinnvoll konfiguriert sind, die Einstellungen für die Nutzer bleiben ja z.b. erhalten.
Von: Francis MacBeth
2008-05-29 21:23:37 +0200
Zeit ist halt nun mal Geld.
Wenn man im Auge behält, was ein Entwickler/Admin oder was auch immer für ITler an Geld verschlingt, wenn er stundenlang durchs Netz surft um Lösungen für Probleme zu finden, dann ist das schon heftig und es fliesst seltenst in die Kalkulation mit ein.
Von: Martin
2008-05-29 21:56:44 +0200
Genau das mag ich an freier Software: Ich kann mangelndes Geld beliebig durch überschüssige Zeit ersetzen. Wie beim Auto: gibste Gas, schluckt er mehr, bist aber schneller da. Zuhause oder auf Entwicklerkisten ist das sicher eine feine Sache.
Schlecht natürlich, wenn man zuviel Gas gibt, und auf dem Produktivsystem irgendwelche fiesen Betas, RCs oder Unstables draufmacht. Wenns knallt, selber Schuld.
Dafür, das Open Source unter nicht-Nerds im kommen ist sehe ich (leider) vor allem einen Grund: Geiz ist Geil...
(Hab übrigens auch noch nie eine Microsoft-Lizenz anfassen dürfen, zu der der passende Supportvertrag im Schrank steht...)
Von: Errror
2008-05-30 01:26:05 +0200
Wenn mich der nächste nervige User fragt, warum wir immer noch Debian/stable einsetzen, obwohl "Ubuntu" (BETA) bei ihm viel besser läuft, zeig ich ihm mal diesen Eintrag. ;-)
Das schlimme ist, dass die Kommerzies (z.B. aus Redmond) diese Support-Lösungen schon gut von OpenSource gelernt haben. Oder hat schon jemand einen InternetExplorer gesehen, der alpha-transparente PNGs korrekt anzeigen kann?
Von: hmw
2008-05-30 11:00:39 +0200
Hallo,
'Zeit ist nun mal Geld', sagt Herr MacBeth. Das ist oft richtig, sein Kommentar impliziert aber auch, dass beim Einsatz eines Close-Source-Prdouktes -evtl. mit Wartungsvertrag- alles easy ist und auftretende Probleme und fehlende bzw. minderwertige Produkteigenschaften schnell und zur Zufriedenheit aller Beteiligten gefixt werden. Frau Spiller setzt ja auch einen faehigen hotliner voraus. Meine Erfahrung ist allerdings, dass dem mitnichten so ist. Das haengt aber sicher auch davon ab, ob man sich im Desktop- oder Serverumfeld etc. bewegt.
Gruesse
Von: Francis MacBeth
2008-05-30 21:26:48 +0200
nein nein, das wollte ich nicht sagen.
Aber meist hat man in dem Umfeld dann doch einen Wartungs~ und Supportvertrag abgeschlossen um dies zu Minimieren. Hab das natürlich auch schon anders kennengelernt.
Da wurden tausende DMark verpulvert, weil der GF anfangs wenige Hundert Mark sparen wollte und eine nicht von Siemens zertifizierte Karte genommen hat.
Von: Oliver
2008-05-30 22:01:04 +0200
Auf dem Server sterb ich da tausend Tode, wenn mir derartiges untergejubelt wird. Interessant auch beispielsweise, wenn irgendein Autor sein eventuell essentielles Programm im Prinzip nur noch auf dem Beta-Stand hält und das letzte stable Release PITA ist :D
Das Dilemma hat da z.B. FreeBSD, das System ist prima der Portstree hingegen ist bleeding edge. Nett auf dem Desktop, ein Krampf sondersgleichen auf dem Server. Aber da ich mich auch mit Debian herumschlagen darf, weiß ich natürlich das selbst uralte Software PITA sein kann ;-)
Hinterlasse einen Kommentar
Ich freue mich über jeden Kommentar, es sei denn, er ist blöd.
Deshalb sind die Kommentare auf dieser Seite auch generell moderiert.