Schlafanzug Häkel

wall < "Ich häng’ an ihm"

Broadcast message from spillerm@unixe.de (pts/1) (Di Dez 21 19:39:44 2010):
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Diesen Beitrag schrieb ich vor 8 Jahren. Behalte das beim Lesen bitte im Hinterkopf.

Da ist er wieder, nachdem ich ihn über Wochen nicht zur Kenntnis nahm und ihn, wenn ich ehrlich bin, auch nicht wirklich vermisste.
Da ist er, und er sieht ungepflegt aus, mitleiderregend irgendwie, unförmig geworden und so gar nicht modern.
Da ist er wieder und ich drücke ihn an mich, und tausend Erinnerungen bringt er mit sich.

Er war bei mir, als ich, von Liebeskummer geplagt, mich auf der Couch einrollte und »Sommersby« schaute, bitterlich weinend. Ausgerechnet »Sommersby«! Ich weiss nicht, welcher Teufel mich damals geritten hatte. Ich angelte nach der Rotweinflasche und schniefte in meine Wolldecke — sterben wollte ich. Er war dabei, als ich mein frisch gestrichenes Schlafzimmer ganz allein und nur in Begleitung einer Tasse Kaffee einweihte: zwei Wände ganz sachte hellblau, die beiden anderen Wände und die Schräge in einem gedeckten, doch sonnigen Gelb, und exakt an den Kanten angebracht eine wunderschöne Bordüre — was war ich stolz! Dagegen verblasste sogar die Tatsache, dass ich überhaupt kein Bett besass, sondern lediglich eine Matratze auf dem Fussboden, und auch keinen Kleiderschrank — nur die exakt gestapelten Umzugskisten, in welche in meine kärgliche Garderobe gefaltet hatte. Aber es war meine eigene Wohnung. Allein das zählte.

Er belauschte stundenlange Telefonate und wurde Zeuge nächtelanger Hacking-Sessions; er beobachtete, wie ich mit einer soeben angerührten 5-Minuten-Terrine in der Hand stolperte und auf mein frisch bezogenes Bett meine frisch bezogene Matratze stürzte, die daraufhin mit Tomatenersatz und Teigwaren versaut war — und ich hatte nur einen Satz Bettwäsche und musste die folgende Nacht im Schlafsack verbringen.

Er hat so manchen 23. Dezember miterlebt — traditionell der »Ich packe meine Geschenke ein«-Tag, an dem ich morgens zwar aufstand, mich aber nicht umzog, sondern den ganzen Tag rumgammelte, rauchte, trank und aus den Geschenkpapierresten »Himmel und Hölle« faltete. Mir dabei die überraschten Gesichter der Beschenkten vorstellte. Der Miez mit Schrecklichkeiten drohte, wenn sie mir mal wieder das Geschenkbändchen wegschleppte oder die Tesa-Rolle auf Nimmerwiederfinden unter die Couch kickte.

Er ist mein Schlafanzug, ein ganz und gar abscheuliches Gebilde in schwarz und braun grau und beige; die Hose ist so oft geflickt, wie sie kaputtging, sie ist zu kurz inzwischen, und die gerissenen Elasthanfäden verwandeln das Ganze, rein optisch, in irgendetwas zwischen Kaktus und Flokati. Das Oberteil ist zu kurz, auch die Ärmel, und weist darüber hinaus noch zwei rosa Flecken auf — von jenem Tag, an welchem ich lernte, dass man zur Arbeit mit hochaggressivem Chlorreininger lieber alte Klamotten, nicht Lieblingsschlafanzüge tragen sollte.

Bei jeder Kleiderschrank-Iteration halte ich ihn in den Händen, starre ihn lange an. Stopfe ihn dann entschlossen in einen reissfesten, umweltfeindlichen Sack, zwecks zeitnaher finaler Entsorgung. Zumeist wühle ich ihn wieder heraus, noch ehe ich zum Altkleider-Container fahre; beim letzten Mal wühlte ich ihn vor dem Altkleider-Container hervor — und nahm in auf dem Beifahrersitz wieder mit nach Hause. Lächelte ihn dümmlich an und stopfte ihn wieder in den Schrank zurück — hinterstes Fach, unterster Stapel.

Ihr nennt das durchgeknallt, und ich nenne das… na, wenn ich ehrlich bin… dito. Doch ich häng‘ an ihm. Er erinnert mich an eine Zeit, in der das Geld am Monatsende lediglich für eine Kiste Katzenfutter und eine 5-Minuten-Terrine reichte. Und ich Geschirr in der Dusche spülte, weil ich keine Spüle in der Küche hatte. An laue Sommerabende auf dem Balkon, mit der Miez und der Gitarre und einem Kaffee. Und an meine Familie, die damals noch so gross war, dass das Verpacken der Weihnachtsgeschenke wirklich einen halben Tag benötigte.

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  1. Hach, das beruhigt mich :D Und »Gammel-23« muss einfach sein! Darauf freue ich mich fast mehr als auf den Heiligabend als solchen :D Probier’s ruhig mal, es ist ungeheuer entspannend.

  2. das mit dem gammel-23.12. finde ich obercool. versuche ich nächstes jahr auch mal. diesmal hab ich den tag leider im zug verbracht… abgesehen davon habe ich total viele klamotten, die ~1o jahre alt sind und die ich liebe, ständig anziehe [wenn auch oft nur ‚für zu hause‘ ;)] und NIENICHT wegschmeissen werde…

  3. *lach* Was bin ich froh, Ihr beiden! Jetzt fühle ich mich schon gar nicht mehr so durchgeknallt wie vorher! Danke! :D

  4. Haaach. Ich hab einen blauen Wollpulli seitdem ich 12 bin – mit dem geht’s mir ähnlich, wenngleich ich ihn nur im Spätherbst bis Frühling trage. Haaach! Der wächst sogar mit.

  5. SYMPATHIE!! :D Sowohl für die geilen Improvisationslösungen wie auch für das Durchgeknalltsein. Spülen in der Dusche ist super. :D

  6. Pingback: … zu guter Letzt » F!XMBR

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