Geisterfahrer cpan Fraktal Social Networking

wall < "Social Networking"

Broadcast message from spillerm@unixe.de (pts/1) (Di Apr 01 20:12:16 2008):
4
Diesen Beitrag schrieb ich vor 11 Jahren. Behalte das beim Lesen bitte im Hinterkopf.

Ich bin seit 2005 bei openBC XING registriert; ich habe einige Kontakte — Kollegen, Chefs und Teamleiter, aktuelle und ehemalige, und manchmal hat sich das, beruflich gesehen, als vorteilhaft erwiesen. Vor einigen Tagen habe ich dann von meinem Lieblingskollegen eine (nicht die erste) Einladung zu »Wer kennt wen?« erhalten, und warum habe ich sie eigentlich angenommen? Langeweile? Neugierde?

Ich war noch keine zwölf Stunden registriert, schon wollten mich die ersten Leute in ihre Kontaktlisten aufnehmen; ich hatte keinerlei Angaben zu meiner Person gemacht, kein Bild eingestellt — nichts. Eine verregnete Mittagspause nutzte ich dazu, mich dann einmal ernsthaft mit dieser Plattform zu beschäftigen, und ganz ehrlich: ich war mehr als erstaunt, eigentlich bin ich es noch jetzt.

Offenbar ist hier jeder registriert — jeder. Sogar Leute, denen ich nicht zugetraut hätte, dass sie eine Computermaus von einem handelsüblichen Toaster unterscheiden können. Das durchschnittliche Mitglied hat 130 Kontakte und mehr. Die überwiegende Zahl der Leute definiert Bücher als »Igitt«, »Ich kann nicht lesen« oder »Was ist das?«. Die Masse an persönlicher Information ist faszinierend: viele nutzen den vorhandenen Raum bis aufs letzte Bit, und würden die Betreiber der Plattform Felder zu Angabe von »Lieblingsstellung«, »Verstörende Erlebnisse mit Gummi« oder »Lieblingsdealer« bereitstellen — ich bin mir sicher, auch die würden ausgefüllt werden. Und zwar wahrheitsgemäss.

Im Zuge dieser ganzen Datenschutzdiskussionen finde ich das interessant; bei ICQ und GMX bin ich schon seit 1998 als männlich deklariert, Rentner mit einem Jahreseinkommen von < 3000$, dafür aber in einem Haushalt mit mehr als acht Personen lebend, mit einer Vorliebe für Boxen, Jodeln und Buddhismus; gemäss meiner diversen Profile spreche ich fliessend hindi, farsi und esperanto (das war ein Spass, als mich tatsächlich mal einer auf esperanto angechattet hat!), meine liebste Homepage war lange Jahre angeblich (!) unixsex.com (ich sehe gerade, die gibts inzwischen nicht mehr) und in den Kommentaren zu meiner Person ist lediglich vermerkt, dass ich allgemeiner Menschenhasser bin und nicht angechattet werden möchte. »Warum soll ich in so einem Profil denn lügen?« fragte mich ein Internet-Newbie, als wir seine erste eigene ICQ-Nummer registrierten. Die verstörendere Frage ist aber eigentlich »Warum sollte ich es nicht tun?«.

Wozu dienen also diese Plattformen? Der Kommunikation, ganz klar. Aber Kontakt zu meinen Leutchen habe ich sowieso, da brauche ich keine Plattform zu. Neue Leute kennenlernen, okay — aber zu den 300, die ich ohnehin schon »kenne« noch mehr? Kontakt zu ehemaligen Bekannten aufnehmen, hmmmm. Bei den meisten Ehemaligen hat es einen Grund, dass sie ehemalig sind. Und mir kann niemand erzählen, dass er die 300 Leute in seiner Kontaktliste wirklich kennt oder auch nur Kontakt zu ihnen pflegt. Also doch nur Schwanzverlängerung? »Ich hab die meisten Leute in der Kontaktliste«? Oder Gehässigkeit — »Hah, im achten Schuljahr hat er immer gelabert, er wolle Unfallarzt werden — und jetzt ist er doch bei der Müllabfuhr, ich hab’s ja gleich gewusst!«? Und dann natürlich die Photos (»Boah, ist die fett geworden…«) — manche Leute bringen Stunden damit zu, sich Bilder von Fremden reinzuziehen oder von Leuten, mit denen sie seit der Grundschule nichts mehr zu tun haben (wollen) (»…genauso hässlich wie damals schon…«).

Auch Wikipedia konnte meine Fragen nicht klären: »Globale soziale Netzwerke wie sie in Form von Onlinecommunitys durch die Verwendung von Sozialer Software entstehen, sind hinsichtlich ihrer soziologischen, kulturellen und politischen Folgen noch völlig unerforscht.« Ich frage mich, was die Forschung hier ergeben wird; sonderlich positiv fühlt sich das Ganze für mich momentan nämlich nicht an.

Daraus entwickelte er die Theorie, dass die Mitglieder eines sozialen Netzwerks maximal über sechs Knotenpunkte miteinander in Verbindung stehen („six degrees of separation“)« — man sagt häufiger mal »Die Welt ist klein!«, aber ist einem die Tatsache auch wirklich bewusst? Offenbar kann man rennen, so schnell man will — man wird seine Vergangenheit niemals hinter sich lassen und immer wieder bei den selben Leuten enden. Denn, ganz gleich, wo man hinkommt — es ist schon jemand da, der von einem gehört hat, dem Einschlägiges berichtet wurde…

Oder sehe ich da nun zu schwarz?

4
  1. Ich kann #8 nur zustimmen. Meine Profile fülle ich immer mit „Nicht-Informationen“ und lasse auch meistens ein eventuelles Bild weg. Spassig sind diese Seiten trotzdem, vor allem zum ganz privaten Data-Mining ;)

  2. es ist wahrscheinlich auch davon abhängig, wie ernst man so etwas betreibt.
    Ich schau dort rein, schau wer auf mein Profil gewesen ist und freue mich wie beim Bloggen auf Reaktionen aber ich achte darauf, dass mein Seelenstriptease und meine verborgenen Seiten auch dort bleiben, im Verborgenen.
    Ansonsten nehm ich das nicht sonderlich ernst.

  3. Tja, ohne Frage Grenzwertig.
    Aber ich bin auch in beiden vertreten: xing und wkw.
    Xing hat mir schon ein mal ein Job angebot gebracht (Wobei, jetzt wo ich eines brauche, kommt keines :() und über wkw Hab ich bekannte getroffen, die ich seit 92 oder 93 nicht gesehen hab.
    Generell sag ich ja auch immer: „Die meisten Menschen in meiner Vergangenheit sind da, weil sie da hingehören.“
    Dennoch war es irgendwie schön zu sehen, wie es ihnen geht.

    Naja, so weit so gut. :)

  4. Das „Netzwerk“ ergibt sich ganz von selbst, man lernt jemand kennen, redet mit ihm usw. Mittel und Wege finden sich immer, sonst wäre die Menschheit wohl schon ausgestorben. Dieses zwanghafte sogenannte social networking ist ein lukratives Geschäftsmodell, einige die das nicht erkennen meinen jedoch es wäre die Basis für Kommunikation per se.

  5. Hallo,

    ich glaube, MacBeth hat wahr. Solche Sachen (koennen) Spass machen.

    Spannend waere mal eine Statistik, wieviele Verknuepfungen originaer auf zB. OpenBC zurueckzufuehren sind und wieviele nachtraeglich als Folge anderer Kontakte entstanden sind. Ich weiss nicht, ob die Betreiber so eine Statistik haben, wuerde aber vermuten, dass die dann in der Schublade bleibt ;). Meine Kontakte dort sind sicher zu ueber 90 Prozent ‚Sekundaerkontakte‘.

    Ich will ja nicht behaupten, dass die Leute, die ihre Profile ueberall ablegen, alle bloed sind. Aber vielleicht sind die Probleme, die sich daraus ergeben koennen, zu abstrakt? Der ‚Schaden‘ ist ja nicht unmittelbar. Oder es ist ihnen wirklich egal? Ich habe doch nix zu verbergen, dann wissen SIE eben, dass ich bei Meier & Soehne – grosse Tueten, kleine Loehne geschafft habe und auf Jungfrauen, Cat5 und Starfires stehe. Was soll da schon passieren? Bekomme ich eben ein bischen mehr Werbung fuer Cat5.

    Gruesse

  6. Hallo,

    unixsex.com? Waren da nicht, aehm, Jungfrauen mit Cat5 an Starfires gekettet? IIRC habe ich dass doch um Weihnachten noch irgendwo gesehen, oehm, habe ich um Weihnachten noch davon gehoert ;).

    Gruesse

  7. Social Networking ist so unsinnig wie ein Frosch mit Regenschirm.
    Klar kann man über andere System genau das gleiche machen, ich kann auch über IMs oder Handy Kontakt zu Leuten halten und ich kann natürlich auch in ner Disco neue Leute kennen lernen.
    Allerdings hab ich auch einfach keine Zeit mich immer darum zu kümmern, die Kontaktadressen von allen uralten bekannten aktuell zu halten, und auch den Faktor „neue Leute kennenlernen“ kann ich als jemand, der seine Freundin (mit der er bald 1 Jahr zusammen ist und seit November/Dezember zusammen wohnt) von nem SocNet her kennt, nicht wirklich kleinreden.
    Generell lerne ich leute schon lieber im VL kennen als im RL, einfach weil sich die Sachen, auf die man achtet um auszuwählen wen man anspricht grundsätzlich verschieben. Im RL kann man nunmal nicht bei jedem sofort ins Profil sehen, welche Hobbies er hat.

  8. Jain, wenn ich soweit bin, meine Vergangenheit nur noch aus der Entfernung im Dunklen mit einer Schweisserbrille zu betrachten, dann würde ich mir nicht die Gefahr der Selbstentblössung durch Social Networking geben.

    Es gibt viele Menschen mit denen ich nichts mehr zu tun haben will aber heute bin ich soweit diese Menschen und die wie auch immer geartete Vergangenheit zu akzeptieren und einfach die Leute leben zu lassen. Wenn Sie mir dumm kommen, merken sie, dass ich nicht mehr der Depp von damals bin.

    Ich halte da tatsächlich mehr oder eher minder Kontakt zu Leuten die ich nicht gerade scheisse finde aber mit denen ich ansonsten keinen Kontakt halten würde oder könnte.
    Das finde ich ganz praktisch.
    Neue Leute kennen zu lernen, gelingt mir stellenweise sogar und ansonsten ist es eine gesunde Menge an Voyeurismus.

    Ausserdem macht es irgendwie Spass und das ist das wichtigste. Es ist wie das bloggen.

  9. ..das man, egal wo man hingeht, ständig auf Leute trifft die man „kennt“, und vor seiner Vergangenheit nicht davon laufen kann liegt mit Sicherheit auch daran das diese unsere Welt nun einmal RUND ist…

Keine weitere Reaktionen mehr möglich.