Unfähig n8schicht
Dieser Beitrag schrieb ich vor 3 Jahren. Behalte das beim Lesen bitte im Hinterkopf.

Am Morgen ist meist alles noch recht entspannt. Am Morgen stopft sich das Kind mit Marmeladenbrot voll, das Baby strampelt unterm Spielbogen, die Mama zieht sich gepflegt ihren Kaffee rein.

Der Papa füttert das quietschende Baby, und dann verabschiedet er sich in Richtung Arbeit. Ich winke am offenen Fenster, das Kind steht draussen in Nachthemd und Gummistiefeln in einer Pfütze, dicke Tränen in den grossen dunklen Augen: »Mama, der Baba hat gar nich richtich gewinkt!«

Ich sammle sie ein, tröste sie, nehme sie in den Arm. Nach der langen Elternzeit, die der Mann hatte, ist seine Berufstätigkeit wie ein Schock für die Kleine. Ich würde sie gerne kuscheln, sie trösten; vielleicht ein Buch mit ihr lesen oder einen Turm bauen. Doch das Baby, das die ganze Zeit schon unwillig meckerte, brüllt nun müde, also stecke ich es ins Tragetuch. Acht Kilogramm stramm unter die Brust gebunden wandere ich nun das Wohn-/Esszimmer auf und ab, denn ohne Bewegung schläft das Baby nicht.

Mit leider auch nicht: es stemmt sich weg, verkratzt mir den Hals, quietscht und meckert und schreit. Das Kind versucht, mich zum Bau einer Duplo-Burg zu animieren, was ich mit Verweis auf das brüllende Baby ablehnen muss. Enttäuscht zieht sich das Kind zurück, spielt unlustig mit den Bausteinen — sie sieht so traurig aus. Das Baby, dem ich inzwischen eine Tuchbahn über den Kopf gezogen habe, gibt Ruhe, sein Köpfchen sackt nach vorne — endlich, nach einer halben Stunde Wanderung, schläft es. Das Kind schaut interessiert auf und brüllt begeistert »Baby slääääft!!!«, woraufhin das Baby zusammenzuckt und umgehend sein Gebrüll fortsetzt. Vor Schreck schreit das Kind nun auch. Ich heule mit.

Das Tragetuch ist für mich eher Mittel zum Zweck; der Hype, der darum gemacht wird, ist nicht so meins. Ich mache nicht gerne Haushalt, wenn das Baby im Tuch steckt. Kochen oder Hantieren am Backofen kommt für mich nicht in Frage. Viele Dinge gehen nur eingeschränkt, und ziemlich viele gehen auch gar nicht. Zumal es mit dem Binden des Tuches ja nicht getan ist: ich muss mich bewegen, möglichst gleichförmig, möglichst immer. Tue ich es nicht, schreit das Baby.

Tue ich es, schreit das Kind.

Schlimmer ist es jedoch, wenn das Kind nicht schreit; nur tieftraurig schaut. Nicht aufbegehrt. Nichts sagt. Heute hat sie kaum etwas gegessen. Stand plötzlich, als das Baby schrie, nur bekleidet mit einem T-Shirt im Hof, die nackten Füsschen in einer kalten Pfütze. Und hielt sich die Ohren zu.

So schnappte ich beide, verfrachtete sie ins Auto. Das Baby schläft nach einigen Minuten Autobahn bei 100km/h ein; spielen kann ich mit dem Kind zwar nicht, aber wir können reden, singen und kichern. Was nun? Manchmal fahre ich zu IKEA. Nicht, weil ich etwas brauche. Aber dort fällt es — sowohl mir als auch dem Kind — nicht so schwer, das ständige Tragetuch zu akzeptieren, und das Kind kann rennen und spielen. Alles ist besser, als zu Hause zu sitzen.

Nach neun Stunden allein mit den beiden bin ich fix und fertig. Das Kind hat etwa zweihundert Mal nach dem Baba gefragt, hatte mehrere Tobsuchtsanfälle (und einen davon, weil ich dem nicht anwesenden Baba keinen Kaffee gekauft habe); das Baby schreit vor Hunger und schreit dann (statt zu trinken) munter die Flasche an, während zum achten Male das »Dschungelbuch«-Hörbuch durchläuft. Ohne Schmerzmittel ist das pausenlose Auf-den-Beinen-Sein für mich und mein Thrombose-Bein kaum möglich, ich habe »Heuschnupfen aus der Hölle«, und ich bin völlig unfähig.

Heute ist ein schwarzer Tag für mich — in erster Linie deshalb, weil kein Land in Sicht ist. Beide Kinder brauchen mich, ich kann ihnen nicht gerecht werden, auch nicht dem Haushalt und nicht mir. Einen sehr ausgiebigen Ausraster hatte das Kind, als ich mich erdreistete, zum Aussteigen ihren Autositzgurt zu öffnen; in diesem Zusammenhang ist mir das iPhone aus der Brusttasche gefallen, das Display ist in Fetzen — so richtig durchgebrochen, streicht man übers Display, hat man kleine Glassplitter in den Fingerspitzen… Wenn die beiden morgen also ständig ausrasten, habe ich nicht einmal das Twitter-und-SMS-Ventil…

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.