wall < "Kinderspielplatz"

Broadcast message from spillerm@unixe.de (pts/1) (Mo Mai 20 22:12:57 2013):
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Diesen Beitrag schrieb ich vor 6 Jahren. Behalte das beim Lesen bitte im Hinterkopf.

Die meisten von uns kennen das: sie sagt »Schatz, der Mülleimer ist voll!« und meint damit eigentlich »Trag ihn raus.«. Er hingegen hört »Schatz, der Mülleimer ist voll!«, denkt sich nach einem kurzen Seitenblick in Richtung corpus delicti »Stimmt!« — und geht dann, ohne sich angesprochen zu fühlen, seiner Wege. Das beweist unter anderem, dass Kommunikation schon unter Erwachsenen gar nicht so einfach ist. Kommunikation mit Kindern ist noch spannender.

Am Samstag waren wir mit dem Rumpelstilzchen im »Boo«[0. Zoo], und dieser wiederum hat einen tollen Spielplatz, auf den das Kind sich zeitnah stürzte. Als Erziehungsberechtige/r geht man somit zum mehr oder minder meditativen Teil des Boo-Besuchs über — in der Sonne stehen, Kindergeschrei ausblenden und dem Nachwuchs verliebt beim Klettern, Schaukeln und Sand-Essen zuschauen. Oder auch nicht:

Ramses, hör bitte auf den Joselin zu hauen. Nein, nicht hauen. Ich hab dir doch gesagt, dass du nicht hauen sollst. NICHT HAUEN!!! Siehst du, jetzt weint der Joselin und du bist schuld. Ramses, du bist böse. Du macht die Mama sehr traurig. Nachher gibt es keinen Pudding.

Das ist eine mögliche Herangehensweise: das Kind, das ohnehin nicht zuhört, ordentlich zutexten (aber nicht eingreifen), dann die Psychoschiene fahren und zuguterletzt eine schwachsinnige Strafe verhängen, die weder temporal noch kausal mit dem eigentlichen Ereignis in Zusammenhang steht und im Grunde genommen der eigenen Unfähigkeit entspringt.

So ein Spielplatzbesuch (zu einer gut besuchten Tageszeit — etwas, das ich üblicherweise zu vermeiden versuche) ist nicht nur eine Parade der schrecklichsten Kindernamen, sondern auch eine grossartige Gelegenheit, eigenes Verhalten und das der anderen Eltern zu beobachten, zu überdenken, die eigene Schiene eventuell zu korrigieren. Ich bin beispielsweise davon überzeugt, dass bei spielenden Kindern Gesprochenes in etwa so ankommt, wie bei den kleinen Peanuts das Gelaber der Lehrerin — und dass Reden nur bedingt sinnvoll ist, vor allem in Gefahrensituationen und solchen, in denen die Emotionen ohnehin schon hochkochen. Kennt man das nicht von sich selbst?

Nein, Mia-Jolina, nicht da hin laufen, du machst dich schmutzig. Ja, das ist das Klettergerüst, aber du bist zu schwer, ich kann dich da nicht hochheben, und wenn du alleine kletterst fällst du bestimmt runter und tust dir schrecklich weh. Nein Mia-Jolina, ein Eis gibt es jetzt nicht. Warum weinst du denn jetzt?! Wir fahren sofort nach Hause. Mit dir macht es überhaupt keinen Spass.

Man hätte Mia-Jolina ja auch spielplatzkompatible Klamotten anziehen können. Und ihr ein bisschen was zutrauen. Wieso zieht man einem Kind seine besten Klamotten an, wenn man auf einen Spielplatz geht? Warum gibt es für kleine Kinder das Konzept beste Klamotten überhaupt? Was niedlich aussieht ist nie praktisch oder bequem, niemals, es ist immer mit Einschränkungen verbunden. Warum gehe ich mit meinem Kind auf einen Spielplatz, wenn es die Gerätschaften dort dann nicht benutzen darf? Natürlich kann ich meinem Kind verbieten, in der Wasserpfütze zu spielen — ich darf aber nicht überrascht sein, wenn es dann schreit, denn damit muss ich adäquat umgehen. Darüber sollte ich mir aber vorher klar sein. Und mir vorher überlegen, wie sinnvoll mein Verbot eigentlich ist. Und nicht einfach verbieten, einfach weil ich gross bin und das Kind klein — und Kleine zu tun haben was Grosse sagen.

Ich habe in den letzten Monaten die (schmerzliche) Erfahrung machen dürfen, dass ein überraschend hoher Prozentsatz kindlichen Unverhaltens elterlichem Fehlverhalten entspringt — Inkonsequenz, Trägheit, doppeldeutigen Botschaften. Dass es hart ist, sich das selbst einzugestehen und daran zu arbeiten. Es ist sogar schwierig, diesen Blogartikel zu schreiben, denn er soll nicht als Stimmungsmache aufgefasst werden oder gar als erhobener Zeigefinger — er soll lediglich meine Beobachtungen widerspiegeln. Diese Kinder, die ich da beobachte… Sie sind die Politiker, die Manager, die Chefs, die Erwachsenen von morgen.

Überhaupt, nicht selten kann ich die brüllenden und um sich schlagenden Kleinkinder ziemlich gut verstehen. Bin ich die einzige Mutter, die sich an ihre Kindheit erinnert? Wie doof es sich anfühlt, wenn man einfach nicht darf — und das nicht versteht[0. Gerüchten zufolge ist es genau jene Empathie, die mir das Leben zeitweise so schwer macht.]?

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